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Phil
des Nikolaus
Inaug^ural-Dissertation
zur
Erlangung der Doktorwürde
der hohen philosophischen Fakultät
der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn
vorgelegt am 8. März 1905
von
Joseph Lappe
aus Geseke.
1905.
Buchdruckerei von Se.litsJtoppen, Bonn a. Rhein
iWJ;qPP(
Gedruckt mit Genehmigung- der hohen philosophischen
Fakultät zu Bonn.
Berichterstatter: Herr Professor Dr. Bäumker.
Dem Andenken
meines Vaters.
J4N 2 1 m?
d0 5/
Leben und Schriften des Nikolaus
von Autrecourt.
Erstes Kapitel.
Thomas von Aquin und seine grossen Zeitgenossen hat-
ten kaum das Auge geschlossen, da erhob der Nomina-
Hsmus, der, so lange sie noch wirkten, verstummt war und
vernichtet zu sein schien, wieder sein Haupt und ge-
wann in kurzer Zeit eine grössere Verbreitung als selbst
zu Roscellins Zeiten. Angebcihnt durch die einseitige Her-
vorhebung des Individuellen als des wahrhaft Wirklichen
und der starken Betonung des Willens in Gott, als des
Primären vonseiten des Minoriten Duns Skotus, fand der
Nominalismus in Wilhelm Occam einen scharfsinnigen
Verteidiger, durch dessen unermüdliche Tätigkeit in Wort
und Schrift er vor allem an der Pariser Universität über
den Realismus triumphierte. Obwohl die Artistenfakultät
zu Paris in einem Statute vom 25. September des Jahres
1339I) das Studium der Schriften Occams verbot und am
29. Dezember 1340^) mehrere Irrtümer der Occamisten
verwarf und selbst der Papst Clemens VI. in einem Schrei-
ben vom 20. Mai des Jahres 13462) an die Pariser Uni-
versität vor den Lehren der Neuerer Warnte, so vermochte
doch dies alles der weitern Ausbreitung des Nomina -
lismus nicht Einhalt zu tun, vielmehr waren alle War-
nungen und Verbote wirkungslos, und der Nominalismus
zog immer grössere Kreise. In diese Zeit des hochge-
henden Kampfes zwischen Nominalismus und Realismus
fäUt das Leben des Nicolaus von Autrecourt. Geboren
^) Chartularium Universitatis Parisiensis von Denifle-Chitelain. T.
II, 1. Paris. 1891. p. 458.
*) Chart. IL 1. p. 505.
3) Chart. II. 1. p. 587-
- 6 —
in dem kleinen Dorfe Autrecourt^) in der Diözese Verdun
an der Meuse um 1300 — Jahr und Tag seiner Geburt
sind unbekannt — , machte er seine philosophischen Und
theologischen Studien zu Pars. Denn nach dem ,,Cata-
l<>gus Provisorum, Sociorum et Hosp tum^j Sorbonae" leb-
te er in der Sorbonne zwischen 1320 und 1327, während
welcher Zeit ein gewisser Hanibaldus Xorstohcr der Sor-
bonne ,war. Da er hier in dem Mittelpunkte der tiot-
minalistischen Strömung lebte und Gelegenheit hatte, den
„Venerabilis inceptor'" selbst zu hören, so konnte er von
dem Kampfe zwischen Tomisten und Occamisten nicht
unberührt bleiben und musste selbst irgendwie dazu Stel-
lung nehmen. Nach einander wurde er ., Magister in ar-
tibus, baccalarius et licentiatus in theologia et in legi-
bus"6) und hielt, wie es üblich war, zunächst Vorlesungen
über die Sentenzen, später auch über andere Gebiete, wie
z. B. über die Politik des Aristoteles.'^) Nach der im
Mittelalter therrschenden Sitte. Klerikern während ihrer
Studienzeit eine . Präbende zu verleihen oder, wenn sie
schon angestellt waren, ihnen den Genuss ihrer Präben-
de zu belassen unter Entbindung von der Pflicht, an
dem Orte ihrer Kathedrale zu leben, um ihnen dadurch
das Studium an den Hochschulen zu ermöglichen, wurde
auch ihm ani 4. März 1338 eine Präbende verliehen an
dem Dome zu Metz. 8) Durch die Vertretung des nomina -
listischen Standpunktes lenkte er bald die Aufmerksam-
keit und den Verdacht der kirchlichen Behörde auf sich.
In seiner Antrittsvorlesung^) über die Sentenzen und der
*) DaliT Nicolaus" de Autricuria, Aurituria, Altricaria, Ultricuna,
Utricuria uno Autricort.
5) Franklin : La Sorboune. Paris. 1875. p. 224.
6) Chart. II. 1. p. 505. not. 1.
'^) Chart. II. 1. p. 583.
8) Chart. II. 1 p. 505. No. 1041. not. 1.
^) Chart. II. 1. 576. In primo principio, quando legi Sententias.
— 7 —
hierbei üblichen Collatioi^} hatte er seinen die ganze bis-
herige Denkweise geradezu xunstürzenden Anschauungen
Ausdruck gegeben. In Disputationen mit dem Minoriten
Bemard von Arezzo'^) und seiinen Vorlestmgen gegen^^)
ihn setzte er die Bekämpfung des AristoteHsmus fort,
bis durch mehrere Briefe, die Nicolaus gegen den ge-
nannten Franziskaner und dessen Anhänger ^^^ richtete,
und noch andere Schriften^^) der Schulstreit in eine Sa-
che der Oeffentlichkeit verwandelt wurde und dadurch
der Kirche die Notwendigkeit auferlegt wurde, zu dieser
Angelegenheit Stellung zu nehmen. Am 21. November
des Jahres 1340 sendet der zu Avigiion residierende Papst
Benedikt XII. an den Erzbischof Wilhelm von Paris ein
Schreiben, in dem er ihm mitteilt, dass ihm mehrere ge-
gen die katholische Glaubenslehre gerichtete Sätze des
Nicolaus von Autrecourt und anderer hinterbracht seien.
Zugleich wird der Erzbischof aufgefordert, die Genannten
innerhalb eines Monats in AvigTion erscheinen zu lassen.'-^)
Ob die Veranlassung zu dieser Anzeige bei der römischen
Kurie allein der Eifer für die Glaubensreinheit gewesen
sei oder ob nicht, hierin wie in der Verurteilung der Neid
eine Rolle gespielt habe, darüber lässt sich nichts aus-
^'^) Chart. II. 1. p. 578 . . . causa collationis . . - Ueber die
Bedeutung des Wortes ,,collatio" vergl. Chart. IT. 1. p. 694. not. 6.,
woduich die von d'Argentr^: Coli. jad. I. p. 354. links unten ge-
gebene Erklärung fällt.
^^) Chart. II. 1. p. 579. quando magister Bernardus et ego
debuissemus disputare.
^^) Chart. II. 1. p. 579. quando legeram in scholis contra ma"
gistrum Bernardum de Aretia, ordinis Fratrum Minoram.
^') Chart. II. 1. p. 576. epistole . . ., quas scripsi contra Bernardum.
^*) Chart. IL 1. p. 583. Multa etiam alia dicitur scripslsse.
^^) Chart. IL 1. p. 505. No. 1041 contra quos (sc.
Nicholaum et alios) apostolatui nostro aliqua catholicam fideni tan-
gentia sunt relata, fraternitati tue .... mandamus, quatenus
eosdem magistros .... citare procures, ut infra unius mensis
spatium post citationem huiusmodi personaliter compareant corana
nobis.
— 8 -
machen. Jedoch berichtet uns Peier von Ailly, dass man-
che Sätze des Nicolaus verurteilt seien „causa invidiae",
die man später öffentlich in den Schulen gelehrt habe.'*)
Bald darauf starb Benedikt XII., so dass sich das Ver-
fahren gegen Nicolaus hinzog und erst wieder aufgenom-
men wurde, als Clemens \'I. am 19. Mai 1342 zum Pap
ste gekrönt war. Dieser übertrug die Leitung der An-
gelegenheit dem Cardinal Curti, der zu seiru:r Unterstüt-
zung mehrere Prälaten und Professoren der Theologie
berief.^^j Der Papst Clemens^^) und Nicolaus^^) waren
anwesend. Zunächst wurde über die Artikel verhandelt,
die in den Antworten und Erklärungen des Nicolaus auf
die ihm zur Last gelegten Sätze enthalten waren,20j fer-
ner über die aus seiner Schrift : Exigit ordo executionis
etc. gezogenen Sätze,2i] sodann über die von Paris ge-,
sandten^-) und schliesslich über die aus seinen übrigen
Schriften gezogenen Artikel. ^^j Da nun das Processver-
fahren gegen Nicolaus noch vor der Legationsreise des
Cardinais WÜhelm Curti nach der Lombardei stattfand,-*)
dieser aber von dem Papste Clemens I\'. am 19. Juli des
Jahres 1342 als Legat nach t.^er Lombardei geschickt wur-
16) Prantl: Gesch. d. Logik. 4. Bd. Leipzig. 1870 p. 112. An-
merkung 4?!*. quod multa fuerunt condemnat.i contr.i eu'u (sc. Ni-
colaum) causa invidiae, qaae tarnen postea in scholis publice sunt
confessa.
*'^) Chart. II. 1. g. 580. vocatis .... multis prelatis et doctoribiis
ac sacre theologie professoribus et inagistris.
^^) Chart. II. 1. p. 580. coiam ipso Domino nostro demente {lapa \'I.
^®y Cliart. IL 1. p. 580 .... articulis . . . per ipsuaj magistrum
Nicholaum traditis .... cora-u . . . Domino nostro Clemente papa
VI., cum eum sub oculis suis haberet.
20) Chart. II. l. p. 580.
21) Ciia t. II. 1. p.' 580— 583.
22) Chart. II. 1. p. 583-584.
23) Chart. II. 1. p. 576-579.
2^) Chart. II. 1. p. 580. . . . antequam de mandato ipsius Domini
nostri ad partes Lombardie cum plene legationi^ offi'^io ivissemus.
25) Chart. II. 1. p. 587. not. 15 nach den Reg. Comm. Xo. 152.
fol. 27.
-19-
de,*^) so müssen die Verhandlungen noch vor dem 19.
Juli 1342 geführt sem. Einer Bestrafung ent/og sich Ni-
colaus durch die Flucht an den Hof Ludwigs von Bayern.
Denn der Papst Clemens \'I. beschwert sich in einer
CoUation vom 11. Juli des Jahres 1343 darüber, dass
der Hof Ludwigs der Sammelpunkt aller Hacret:ker sei.
So habe auch Nicolaus von Autrecourt zu ihm seine
Zuflucht g enommen, der wegen häretischer Lehren ge-
gen den heiligen Stuhl citieri, von der römischen Kurie
geflohen und von Ludwig freundlich aufgenommen gei,
unter dessen Schutze er ungestört seine Irrlehren ver-
kündige.2^) Diesem Berichte bringt Denifle grosses Miss-
trauen entgegen, weil sich unter den verurteilten Sätzen
keiner finde, der gegen den heiligen Stuhl gerichtet ist,
und das tiefe Stillschweigen über die Flucht in dem Be-
richte über das Prozessverfahren allzu befremdend sei.^')
Was den ersten Einwand betrifft, so ist es leicht möglich,
dass der Berichterstatter über jene Collation die Irrleh-
ren, die Nicolaus vom Papste ganz allgemein zur Last
gelegt werden, zu Irrlehren gegen den hl. Stuhl gemacht
hat, wie ja üccam und manche andere, die .zu Ludwig
geflohen waren, sich deren schuldig gemacht hatten. Ein
Schluss von diesen auf Nicolaus wäre wohl denkbar. Das
Argumentum ex silentio könnte allerdings Zweifel an der
Glaubwürdigkeit dieses Berichtes aufkommen lassen. Aber
dami wäre es unerklärlich, wie sich der Process von
1342 -1346 hinziehen konnte, noch weniger wüsste man
mit dem Berichte selbst etwas anzufangen. Etwa mit
Denifle anzunehmen (a. a. O.), statt des Nicolaus sei Wil-
helm Occam gemeint ,geht nicht an, so dass wir ge-
*^) Höfler: Aus Avignon, in den Abhandlungen der königl. böhna.
Ge^ellsch. d. Wissensch. vom Jalire 1868, 6. Folge, 2. Band, p. 20.
nach dem Cod. Eichst. No 269, p. 494, Erat quidam licentiatus in
theologia et vocatur Nicolaus de Utricuria vel Aurituria, qui posuit
mukös errores et multas heres es contra istam sanctam sedem, fugit
de Ron ana curia et statim ab ipso receptus fuit et predicat ibi
multos et magnos errores cum quibasdam religiosis.
2') Chart. II. 1. p. 720.
— 10 —
zwimgen sind, die Flucht /u. Ludwig \on Bayern als his-
storisch verbiirgt anzunehmen. Wann ujid aus welchen
Gründen er sich wieder in Avignon gestellt hat, ist uns
unbekannt. Das Urteil wurde in der ersten Hälfte des
Jahres 1346 gefällt. Derui die Urteilsverkünd gung giebt
das Jahr 1346 von der Geburt Christi an und das 4. Jahre
des Pontificates des Papstes Clemens VI. an.^^) Da nun
aber Clemens am 19. Mai 1342 zum Papste, gekrönt war,
so muss das Urteil vor dem 19. Mai 1346 gefällt sein,
wahrscheinlich kurz vorher, jedenfalls im Mai. Nach dem
einstinunigen Beschlüsse des Collegiums (omnium una-
nimi consilio) wurde Nicolaus verurteilt, alle seine Schrif-
ten zu Paris öffentlich zu verbrennen und dabei die ver-
urteilten Sätze zu wiederrufen. Zugleich musste er er-
klären, die Bücher seien wegen der darin enthaltenen
censurierten Stellen verbrannt worden,^Oj yj^(\ feierlich
schwören, seine verworfenen Ansichten nicht mehr aufrecht
zu halten.3^)Ueber jeden, sowohl über Nicohius als auch über
anjdere,die sich diesem Urte le widcrsetzen,vvird die Exkom-
munication verhängt. Mit diesem Urteile wurde Nicolaus
nach Paris geschickt, und hier verbrannte er den Befehlen
gemäss am 25. Nov. des Jahres 1347 vor versammete-m Vol-
ke seine Schriften, indem er zugleich die verworfenen
*^) Chart. II. 1 p. 586. — -. pronuru-iata fuit . . . nostra
senteniia . . . Aviuione .... subaimo a Nativitata Doimne iDille>imo
trecentesimo quadragesimn serto . . . pontificatus dicti Domiui
Clementis papc VI.
29) Chart. II. 1. p. 584 — 585.
30) Ciiart. II. 1. p. 585.
8l) Chart. II. 1. p. 086.
32) Im Jahre 13 47, nicht aber 1348 verbrannte Nic.olaus in Paris
seine Schriften. cfr: Archiv ftir Liiteratur* und Kirchengeschichte
des M. A. V. Bd., p, 324. nach den Reg. procurat. nat. Anglic: ad
aunum 1347.
,,In die S. Edmund! .... lüit facta congregatio Universitatis,
seil, regentium et non regentinnri, »pud Sanctnm Matürintm ad audi-
endum literas papales et processus super quibusdam articuHs, quos
mag. Nicholaus de Utricuria, bachalarius iu tlieulogia, die S. Katha-
rine proximo sequente in sermone apud Predicatores publice revo-
cavit, ahquos tamquam falsos, et aliquos tamquam falsos, erroneos et
- 11 —
Sätze feierlich widerrief ,^2 > nachdem einige Tage vorher,
am 20. November, die Universität von dem Processe gegen
Nicolaus Kenntnis genommen hatte. Aus dem Lehrkör-
per der Cniversität schied Nicolaus dem Urteile gemäss
ebenfalls aus, wie daraus hervorgeht, dass er am 6. Au-
gust 1350 Domdekan von Metz wurde.^^) Ueber sein wei-
teres Leben ist uns nichts bekannt.
Zweites Kapitel.
Die Schriften des Nikolaus.
Genannt werden : i . ) 9 Briefe an den Minoriten Bernard
von Arezzo, von denen der erste, zweite, \"ierte, fünfte,
sechste, fsiebente und neunte ausdrücküch erwähnt wer-
den, i)
2.) Ein Brief an einen gewissen Egidius, der auf die
beiden ersten Briefe an Bemard geantwortet hatte,^)
3.) Eine Schrift, deren Anfang lautet : E.xigit ordo ex-
ecutionis,^)
4.) Eine Quaestiode qua respx)ndit magister X. de L'l-
hereticos. Et ibidem in sermone ipsos articulos una cum uno
tractatu suo secundum m&ndatum apostoiicum idem magister Xicho-
laus comburcbat.'"
Damit fällt die Angabe, die sich anf mehreren Handschrift des
14. uiid 15. sacc. findet, dass die genannten Artikel im Jahre 13-48
rerurteilt und von Nicolaus nridei rufen seien. Dieser Angabe foli^end
haben alle die Verurteilung und den Widerruf ins Jahr 1348 verlegt,
so z. B. Jourdain • Index chronol. p. 144, obwohl er die Stelle aus
den Reg. proc. nat. Angl. kurz vorher anfährt!,
Dn Boxüay: Hist Univ. Par. Tom. IV., p. 308,
d'Argentre: ColL lud. Tom. I. p. 355,
Fabricius: Bibl. med. et inf. lat. Tom. V. Lib. XIII. p. l36,
und nach ihnen manche neuern, wie Pramtl. Gesch. d. Logik. 4. Bd.
p. 2 und 3 und Kurd LalTwitz u. a. m.
33) Chart, n. 1. p. 505. Xo. 1041. not. 1.
1) Chart. IL 1. p. 579. scripsi in novem epistolis.
t) Chart. II. 1. p. 587. not. 4.
g) Chart. II. 1. p. 5S3. Omnes predicii articuli extracti fuerunt de
libello qui incipit: Exigit etc.
12
tricuria: Utrum visio ercature rationalis beatificabilis j>er
Verbum possit intendi naiuraliter.*)
5.) Noch manche andere Schriften, die sich im Besiize
eines Benediktiners Wicierus befinden sollen.^)
Infolge der Verurteilung sind die meisten Werke ver-
loren gegangen. Erhalten sind nur :
I.) der erste Brief des Nicolaus an Bernard von Arez-
zo in: Bibl. nat. Par. ms. lat. 16 408. fol. 22^ und K . 409
fol. 42^' veröffentlic ht von dArgentre: Coli. jud. I. p.
358. dessen Text einige Ungenauigkeiten aufweist,
2.) der zweite Brief an Bernard in ms. lat. 16408.
fol. 21r und 16409. fol. 39r.
3.) der Brief an Egidius auf dessen Brief an Nicolaus
in ms. lat. 16408 fol. 113r und 16409 fol. 49r
4.) die Quaestio, de qua respondit etc. in Bibl. nat. Par.
ms. lat. 6559. fol. 191.
Für die Beurteilung der Lehre des Nicolaus von Au-
trecourt sind von der grössten Bedeutung die aus sei-
nen Werken gezogenen Artikel, die nach der Neuaus-
gabe von Daufle 65, nicht 61 machen,^) imd der Brief
des Egidius an Nicolaus auf dessen beide ersten Briefe
an Bernard von Arezzo in Bibl. nat. Par. ms. lat. 16408
fol. lllr und 16409 fol. 44r Benutzt wurden zur vor-
4) Chart. II. 1. p. Ö87. not. 4.
5) Chart. II. 1. p. 583. mnlta alia opera sua (sc. Nicolai) di-
cunter habere quidam Monachus M. [....] Ordinis sancti Benedict!,
qui vocatur Wicierus.
e) V^eröffenthcht waren diese Artikel bisher in Bibl. raax. pat.,
XXVI, p. 483, Bulaeus: IV, p. 308, d'Argentre: I p. 358. Denifle
benutzte zum er'^ten Male das Orifjinal in der V^atikanischen Bib-
liothek, wodar h er in den Stand gesetzt war, alle auf das Process-
verfahren beztig.ichen Xachrii^hten und die Artikel vollständig heraus-
zugrben. Daher beträgt die Zahl der verurteilten Sätze bei ihm 65,
nicht 61, wie hui den frtihert-n Herausgebern. Hurter: Nomtncl. litt.
Tom. IV. p. 447. Anm. 4 giebt ebenfalls nur 61 Artikel an.
7) Dieser Brief ist veröffentlicht von Haureaii in den Noiices et
extraits des Manuscri'.s de la Hihiioihcnue nationale XXXIV. 2 p.
332. Bei der Verglt-ictiung dieser Ausgabe mit dem Manuskripet
fanden sich mehr als (> 0 zum 1 ed -innverwirrende Fehler. Zugleich
— 13 —
liegenden Arbeit :die von Denifle vollständig veröffentlich-
ten Sätze, wie sie von dem R chterco'.l. g um verurteilt wor-
den sind, und die beiden Handschriften 16408 und 16409,
die von der Pariser Nationalbibliothek zur Verfügung ge-
stellt waren, so dass dadurch der zweite Brief an Ber-
nard und die Antwort auf den Brief des Egidius sowie
die Mitteilung des Johannes von M recuria über die An-
sicht des Nicolaus über das Causalitätsprincip (16409.
fol. 132.) zum ersten Male zur Darstellung benutzt wer-
den konnten. Die Quaestio de qua etc. zur Darstellung
zu benutzen, schien wegen ihres theologischen Charakters
unnötig zu sein.
Die Lehre des Nikolaus von Autrecourt.
Erstes Kapitel.
Die Principien seiner Lehre.
In dem Streite zwischen Realismus und Nominalismus
stellt dich Nicolaus auf die Seite des letztern und ist
dürfte es an dieser Stelle angebracht sein, noch einige andere Un-
genauigkeiten, die sich bei Haureau (a. a. O.) finden, zu berichtigen.
Zunächst giebt er die Reihenfolge der beiden ersten Briefe an Ber-
nard umgekehrt an, verleitet durch die Reihenfolge in den Manus-
kripten, während doch schon d'Argentre, auf den Haureau selbst hin-
weist, auf diesen Fehler aufmerksam gemacht und die Reihenfolge
richtig angegeben hatte. Unbegreiflich aber ist folgende Flüchtigkeit :
In seinem kurzen Referate über den zweiten Brief an Beruard (a. a.
O. p. 332.) lässt er Nicolaus behaupten, dass alle gewisse Erkenntnis
aus dem einen Satze fliesse : Gott ist (que toute notion certaine
derive de cette unique proposition: Dieu est.) Man traut seinen
Augen kaum, da sich in dem ganzen Briefe der Name Gottes nur
einmal und zwar ganz am Schlüsse findet. Diese falsche Angabe
lässt sich nur daraus erklnren. dass er das pnmum principium logi-
cum mit dem pr. princ. ontologicum verwechselt hat. Bei einiger
Aufmerksamkeit hätten ihn die weiteren Ausführungen in seiner An-
sicht wankend machen müssen. Und wenn Haureau (a. a. O. p.
340.) Nicolaus behaupten lässt, .Aristoteles habe- den zweiten Sub-
stanzen eine geringere Gewissheit zugesprochen als den ersten, so ist
das Gegenteil der Fall.
— 14 —
daher darauf bedacht, den Realismus in seinen Grundlag jn
zu erschüttern, d.h. die Lehre von den abstrakten Sub-
stanzen als irrig und grundlos zu erweisen. ^j Zu diesem
Zwecke unterwirft er die herkömmlichen Anschauungen
einer strengen Prüfung u.id kommt bei der Analyse und
Zuibckführung des Wisscjis auf zweifellos gewisse Särze
zu einem letzten, an sich evidenten Denkgesetzes, nämlich
dem Princip des Widerspruchs, dass, wie er es in den
Disputationen mit Bernard von Arezzo formuliert, etwas
unmöglich in demselben Dinge sein und nicht sein kön-
nen,^j oder, nach der Formulierung im zweiten Briefe
an den genannten Miiioriton, zwei contradiktorische Ge-
gensätze nicht zu gleicher Zeit wahr sein können.^) Dies
ißt das oberste Denkgesetz sowohl in negativer Hinsicht,
dass keins früher ist als dieses, als auch nach der po-
sitiven Seite hin insofern, als es früher ist als jedes an-
dere.*) Denn all unsere Gewissheit lässt sich auf jenes
Denkgesetz zurückführen, es selbst aber lässt sich auf
kein anderes zurückführen. Es ist also das erste Denkge-
setz in jener doppelten Beziehung.^) Gäbe es nämhch
irgend einen Satz, der diesem Princip nicht unterworfen
wäre, der sich also nicht darauf ziu-ückführen liesse, 's©
wäre es möglich, dass ich etwas für wahr hielte, während
1) Ms. 16409. fol. 39r .... subtilitatis vestre profunditas ad-
miranda menti mee redderetur, si scirem, vos habere e^^dentem notitiam
de substantiis abstractis.
2) Chart. II. 1. p. 579. Aha cedula in der Mitte : quando m»-
gister Bernardus ... et e^o debuissemus dispatare, concordavimus ad
invicem disputando conferre de primo .... principio. . . . .quod est:
,,Impossibile est aliquid eidem rei inesse et non inesse."
3) Ms. 16409. fol. 39v. Et primum, quod occurrit in origine dicen-
dorum, est istud primum ■ ,,Contradictoria non possunt simul esse vera."
4) Ms. 16409. fol. 39v. Istud est primum principium negative
exponendo, quo nichil est prius, .... istud est primum affirmativ«
vel positive, quod est quocumque alio prius.
5) Ms. 16409. fol. 39v. Omnis certitodo a nobis habita resolvitur
in istud principium, et ipsum non resolvitur in aliquod aliud , . .;
igiiur sequitur, quod ipsum est primum duplici primitate.
- 15 -
das Gegenteil der Fall ist. Denn es wäre ja dann gar
nicht einzusehen, warum nicht zu gleicher Zeit das Ge-
genteil einer Behauptung wahr sein sollte. Dann aber
gäbe es überhaupt keine Gewissheit, und das Ende wä-
re der absolute Skepticismus.^) Es muss also jeder Satz
diesem Denkgesetze unterworfen sein, es selbst aber lässt
sich auf kein anderes zurückführen, weil es eben keinen
Satz giebt, der nicht auf jenes Princip zurückgeführt wer-
den müsste."^) Das Resultat dieser Erörterungen ist so-
mit, dass das Princip des Widerspruchs das erste Denk-
gesetz ist in der angegebenen doppelten Beziehung. Da
nun all unsere Gewissheit auf dieses Denkgesetz zurück-
geführt wird, also in ihm gründet, so giebt es auch
nur eine Gewissheit kraft dieses Princips, d.h. eine Ge-
wissheit schlechthin, dass nämlich das Gegenteil denk-
unmöglich ist. Wenn daher etwas bewiesen ist, so ist
es schlechthin bewiesen, und es ist durchaus unmöglich,
dass etwa das Gegenteil des Bewiesenen mit dem, woraus
es abgeleitet ist, bestehen könnte.^) Mithin giebt es keine
Grade der Gewissheit, weil ja all unsere Gewissheit eine
Gewissheit schlechthin ist. Wenn z. B. eine evidente Ge-
wissheit über zwei Sätze vorhanden ist, so ist der eine
Satz nicht gewisser als der andere. Denn die beiden Sätze
werden entweder gleich uiunittelbar auf das Princip des
Widerspruchs zurückgeführt, so dass nicht einzusehen ist,
weshalb der eine vor dem andern eiaen Vorzug verdienen
e) Ms. 16409. fol. 39v. Possibile est sine aliqua contradictione,
que exinde seqaatur, quod apparebit tibi sie esse et tarnen nun sie
erit ; igitur non est certus evidenter, quod sie sit.
7) Ms. 16409 fol. 39v. Omnia resolvuntur in ipsum, ut dictum est,
et sequitur: Istud est prius omni alio, quod non est ipsum; ergo
nichil est eo prius.
s) Ms. 16409. fol. 39\'. quod certitudo evidentie .... est cer-
tltudo simpliciter, quia est certitudo habita virtute primi prineipii ....
quod demonstratum est . . ., est demonstratum simpliciter nee per
aliquam potentiam posset fieri, quod opposi.um eonsequentis staret
simul cum autecedente.
— 16 —
soll, oder der eine mittelbar und der andere unmittelbar.
Aber auch dann ist die Evidenz der Sätze dieselbe, weil
sie eben auf dasselbe erste Denkgesetz zurückgefühn wer-
den. So sind auch die Lehrsätze der Geometrie gleich
e%'ident. wenn auch vielleicht infolge der grossem An-
zahl der Ableitungen auf den ersten Blick die Evidenz
des einen nicht so unmittelbar einleuchtet wie die des
andern.^ ; Somit liaben wir eine Gewissheit, nur von dem
ersten Denkgesetze und allen den Sätzen, die sich darauf
zurückführen lassen. Denn die Gewissheit besteht eben
darin, dass nichts Falsches in ihr enthalten ist. Wäre
letzteres aber der Fall, so würde daraus folgen, da^s je-
mand etwas für gewiss hielte,^ dessen Gegenteil ohne Wi-
derspruch wahr wäre, und damit wäre dann alle Ge-
wissheit aufgehoben. 1^; Es muss sich daher alle Gewiss-
heit auf das erste Denkgesetz zurückführen lassen, und
damit dies möglich ist, muss irgend eine syllogistische
Form unmittelbar in jenes Gesetz aufgelöst werden. Denn
entweder geschieht die Zurückführung unmittelbar, und
dann besteht unsere Behauptung zu recht, oder mittelbar,
und dann kommen wir zu einem processus in infinitum
oder aber zu einem Syllogismus, der sich vmmittelbaj-
9) Ms. 16409. fol. 40v. quod certitudo evident;'» non habet gradus,
ut si sint due cooclusiones, de quarum qualibet suraus certi evidenter,
non luinus magis certi de una quam de alia, nam etc. — — Vel
igitur ille prime conrlusiones eque immediate reducuntur in idem
primum principium et ita non est, ande magis simus certi de una
qnam de alia, vel una mediale ft alia immediate, et hoc non obstat,
quia reductione facta in primum principium eque certi sumus de una
sicnt de alia.
10) Ms. 16409. fol. -40r. Xulla^ est alia certitudo nisi certitudo
prini principii vel que in primum principium potest resolvi. Nam
nulla est certitudo nisi illa, cui non subest falsum, quia, si esset aliqua,
cuiposset subesse falsum, .... sequitur, quod aliquis erit certus de eo,
cuiiis oppositum suie contradictione est verum.
- 17 —
darin auflöst.^!) Nur der letzte Fall ist möglich, da ein
Processus in infinitum die vollständige Vemichtvmg je-
der gewissen Erkenntnis wäre. In diesem auf das Gesetz
des Widerspruchs unmittelbar zurückgeführten Syllogis-
mus muss das Consequcns (d.h. das, was geschlossen
wird) mit dem Antecedens (d.h. das, was geschlossen
schlössen wird,) ganz oder t'nlweise identisch sein. Denn
ohne diesen innigen Zusammenhang zwischen Consequens
und Antecedens, der in der ganzen oder teilweisen Iden-
tität besteht, wäre nicht einzusehen, warum gerade die-
ses Consequens aus dem Antecedens folgt, warum nicht
auch das Gegenteil dieses Consequens aus dem Antece-
dens folgen sollte. Dann aber gäbe es überhaupt keine
Gewissheit mehr, weil in jedem Schlüsse zu befürchten
wäre, dass auch das Gegenteil des Consequens wahr sein
könnte, und all pnser Wissen, das auf demonstrativem,
Wege gewonnen wird, wäre damit aufgehoben. ^2) Es ist
also notwendig, dass das Consequens und das Antecedens
ganz oder teilweise identisch seien. Hieraus folgt nun, dass
überhaupt in jedem Schlüsse das (Consequens mit dem
Antecedens ganz oder teilweise identisch sein muss und
das Consequens jedes Schlusses, der sich, wenn auch
durch noch so viele Mittelglieder, auf das erste Denk-
gesetz zurückführen lässt,mit dem erstenAntecedens iden
tisch sei. Nehmen wir z. B. an, dass ein Satz sich durch
Schlüssse als Mittelglieder auf die Gewissheit des ersten
Denkgesetzes zurückführen lässt, so ist in dem ersten
11) Ms. 16409. fol. 40r. Aliqua forma syllogistica est immediate
reducta in primum principium, c^uia hac demonstrata conclusio vel est
immediate reducta, et sie propositum, |vel "mediate, et sie erit Pro-
cessus in inlinitum, vel oporteret devenireTad aliquam, que immediate
sit in primum principium reducta.
12) Ms. 16409, fol. 4Ür. In oumi consequentia immediate leducta in
primum principium consequens et ipsum totum autecedeus vel pars
ipsius atitecedentis sunt idem realiter, quia si sie non esset, tunc non
esset immediate evidens quin sine coiitradictione antecedens et oppo-
situm coiisequentis possunt siiuul stare in veritate.
-- 18 —
Schlüsse das Consequens mit seinem .Ajitecedens, ebenso
im z^veiten und nicht weniger im dritten Schlüsse ganz
oder teilweise identisch, und so muss das Consequens
des letzten Schlusses mit dem ersten Antecedens iden-
tisch sein. Somit ergiebt sich denn als Resultat dieser
Erörterungen, dass in aJlen auf die Gewissheit des er-
sten Denkgesetzes zurückführbaren Schlüssen das letzte-
re oder sonst ein mittleres Consequens mit dem ersten
Antecedens identisch sein muss.^.)
Zweites Kapitel.
Das Causalitätsprincip.
Aus diesen grundlegenden Principien seiner Lehre zieht
Xicolaus hinsichtlich der Hauptprobleme der Philosophie
Folgerungen, die den herkömmlichen Anschauungen der
Schule direkt entgegengesetzt sind. Es ist selbstverständ-
lich, dass er seine Aufmerksamkeit zunächst dem Grund-
dogma der aristotelisch- schalastischen Philosophie, näm-
lich dem Causalitätsprincip zuwendet, und nach jenen
oben aufgeführten Erörterungen kann es nicht mehr zwei-
felhaft sein, dass er es verwirft. Daraus, dass das Da-
sein einer Sache erkannt ist, kann nicht das Dasein ei-
ner andern geschlossen werden,^) sagt Nicolaus. Denn in
13) Ms. 16409. fol. 40r. In omni consequentia evidenti reducibiH in
primam principium per quotvis media consequens est idem realiter
cjm autecedente vel cum parte significati per autecedens. Osten-
ditur siCj quia si ita sit, quod aliqua corclusia reducatur per tria
media in certiludinem primi principii, consequens erit idem realiter
cum autecedente vel cum parte significati per auteceden^ .... et
similiter in secanda*. ... et in tertia similiter, .... sie a primo
ad ultimum sequitur, quod in istis consequentiis ordinatis ultimum
consequens erit realiter idem cum primo autecedente vel cum parte
significati per autecedens.
1) Ms. 104:09. fol. 40v. Ex eo, quod aliqua res est cognita esse,
non potest evidenter evidentia reducta in primum principium vel in
certitudinem primi principii inferri, quod alia res sit.
— 19 —
diesem Schlüsse ist das Consequens mit dem Antccedeens
weder ganz noch teilweise identisch- . Nun können aber,
wie vorher auseinander gesetzt ist, nur die Sätze Ge-
wissheit beanspruchen, die sich auf das Gesetz des Wider-
spruchs zurückführen lassen, dass nämlich die Bejahtmg
und Verneinung desselben Prädikates bezüghch dessel-
ben Subjektes unmöglich ist. Wenn aber daraus, dass
ein Ding ist, geschlossen wird, dass ein anderes sei, also
deshalb, weil einem Dinge ein bestimmtes Prädikat,näm-
lich das des Daseins, zukommt, dieses selbige Prädikat
auch einem andern Dinge beigelegt wird, so ist es ohne
Widerspruch denkbar, dass dieses Prädikat dem andern
Dinge nicht zukommt. Denn das Consequens ist \xm dem
Antecedens durchaus verschieden, und was daher dem
Consequens beigel^t und abgesprochen wird, davon wird
das Antecedens gar nicht berührt. Dies la-äre nur dann
der Fall, wenn das Consequens mit dem -Antecedens ganz
oder teilweise identisch wäre. Es ist also wohl mögüch.
dass, wenn aus dem Dasein einer Sache das Da-
sein einer andern geschlossen wird, das Gegenteil
des Consequens der Fall ist, und damit kann dieser Schluss
nicht die Gewissheit des ersten Denkgesetzes beanspru-
chen, weil ja eben darin, dass der einen Sache das Dasein
beigel^t, der andern abgesprochen wird, gar keine Be-
jahung und Verneinuaag desselben Prädikates bezüghch
desselben Subjektes enthalten ist. G^en diese Beweis-
führung hatte der Minorit Bemard \x>n Arezzo den Ein-
wand erhoben, dass zwischen dem Antecedens und dem
Gegenteil des Consequens zwar keine formelle, ^x>hl aber
eine virtuelle Contradiktion bestände, aus der die for-
s) Ms. 16409. fol. -kh*. In tali consequentia, in qua ex nna re inl
fertur alia. consequens non esset idem realiter com antecedente ve
ciun parte significati per antecedens.
— 20 -
melle abgeleitet werden könnte.^) Doch dem erwidert Ni-
colaus, dass, wenn aus dem Antecedes und dem Gegen-
teil des Consequens eine formelle Kontradiktion gefol-
gert werden soll, diese nur zwischen den Folgerungen
aus jenen bestehen könnte.^) Diese Folgerungen sind nun
mit jenen Sätzen identisch oder nicht. ^) Sind sie mit
ihnen identisch, so ist nicht einzusehen, wie zwischen den
Folgerungert eine formelle Condradiktion 'bestehen soll,
während sie doch zwischen jenen beiden Sätzen, aus denen
sie abgeleitet und mit denen sie identisch sind, nicht be-
steht.^jSind sie aber davon \ erschieden,so wird von einem
Dinge auf ein anderes,davon verschiedenes geschlossen. Es
wäre dann möglich,dass das Gegenteil des Consequens und
das Antecedens zugleich wahr wären, es btstä. de dann zwi-
schen diesen beiden Sätzen keine formelle, sondern blos
virtuelle Condradiktion, aus der erst die formelle wie-
der abgeleitet werden müsste, und so käme man schlies-
lich zu einem processus in infinitum."^) Es muss daher
in einem evidenten Schlüsse das Consequens und das
3) Ms. 16409. fo!. -tOv. Sed respondet Bernardu«; dicens, quod,
licet ibi m)n sit contradictio formalis propter causam dictam. tamei;
est contratlictio virtualis; virt ialem aatem contradictionem appellat,
ex qua potest evidenter inferri formalis.
4) Ms. 16409. fol. 40v. Si igitur ex istis propositionibus : ,,A est, B
non est" pt)sset contraiictio formalis evidenter inferri, vel igitur
hoc esset recipienlo const-quens vel consequentia unius istarum pro-
positionum vel utriusque istarum propositionum.
5) Ms. 16409. fol. 71r, Xam ipsa consequentia vel essent idem
realiter cum ipsis autecedentibus vel non.
e) Ms. 16409. fol. 41r. Si eadem, .... non erit contradictio for-
malis inter ipsa consequentia ... — sicut nee inter autecedentia.
7) Ms. 16409. fol. 41r. Si autem dicatur, quod ista consequentia
differrent a suis autecedentibus . ., sicut prius oppositum
consequentis posset stare cum quolibet significato per autecedens sine
contradictione. Et si dicatur, quod est contradictio virtualis, ex qua
potest inferri formalis, procedetnr ut prius et ita procederetur in
iuQnitxim.
— 21 —
Antecedens ganz oder teilweise identisch sein.^) Damit
ist selbstv'erständlich gar nicht gesagt, dass das Gegen-
teil des Consequens das contrad.ktorische Gegenteil des
Antecedens ist. Denn in manchen Schlüssen ist das An-
tecedens umfangreicher als das Consequens, ind^^m letz-
teres nur ein Teil des Antecedens ist, und das Antecedens
und das Gegenteil des Consequens können beide zugleich
sein. Es wird vielmehr nur behauptet, dass in einem
evidenten Schlüsse das Gegenteil des Consequens und das
Antecedens oder ein Teil desselben in contradiktorischem
Gegensatze stehen müssen, weil in dem Schlusssatze kein
Terminus steht, der nicht auch in den Prämissen ent-
halten wäre, so dass das Gegenteil des Schlusssatzes und
etwas, was durch die Prämissen bezeichnet ist, in con-
tradictorischem Gegensatze stehen.^*)
Die Unmöglichkeit, von dem Dasein eines Dinges auf
das Dasein eines andern, davon verschiedenen Dinges
zu schliessen, leuchtet auch durch folgende Beweisführung
sein: In jedem Schlüsse kann die Identität der beiden
äussern Begriffe mit einander nicht grösser sein als ihre
Identität mit dem Mittelbegriffe, weil die Identität
mit einander nur durch die Identität mit dem
g) Ms. 16409. fol. 4:lr. Oportebit dicere, quod in consequentia
evidenti simpliciter consequens sit idem .... cum autecedente.
g:^) Ms. 16409. fol. 4lr non volo dicere, qaod oppositum
consequentis debeat esse contradictorium antecedenti; nam in multis
consequentiis antecedens potest plas significare quam consequens
. ... et ... . oppositum c«nsequenti5 et antecedens possunt simul
esse falbSi, sed volo, quod in consequentia evidenti oppositum conse-
quentis et autecedens vel significati eius opponuntur contradictorie,
.... cum nuUus terminns recipiatur in conclusione, quin fuerit re-
ceptus in premissis, et ita oppositum conclusionis et aliquod signi-
ficatum per premissas opponuntur coniradictorie.
9) Ms. 16409. fol. 41r. Nunquam virtute alicuius consequeiitie
potest inferri maior ydemptitas extremorum ad invicem quam sit
extremorum ad medium, quia hoc non infertur nisi virtute illius. Sed
oppositum huius continget, si ex eo, quod una res est ens, posset
evidenter inferri, quod alia res esset ens, quia conclusionis predicatum
et subiectum significant idem realiter, ista vero non sunt idem re-
aliter cum medio, quod ponitur alia res.
— 22 —
Mittelbegriffc erschlossen wird. Gegen diese Regel aber
wird Verstössen, wenn von dem Dasein eines Dinges auf
das Dasein eines andern geschlossen wird. Denn in die-
senn Falle wird in dem Schlusssatze das Prädikat einem
Subjekte deshalb beigelegt, weil dasselbe Präd.kat, näm-
lich das des Daseins, in den Prämissen einem andern
Subjekt zukommt. Das Subjekt des Schlusssatzes ist aber
von dem der Prämissen verschieden, und so besteht zwar
in dem Schlusssatze eine Identität von Subjekt und Piä-
dikat mit einander, aber nicht mit dem Mittelbegriffe,
weil dieser ja von dem Subjekte des Schlusssatzes ver-
schieden ist. Der Schluss von dem Dasein eines Dmges
auf das andere ist mithin nicht evident. ^j
Wenn aber jemand gegen diese Beweisführung m.t Grün-
den kämpft, die der Erfahrung entnommen sind, wie :
Es gicbt eine bestimmte Qualität, also giebt es auch einen
Gegenstand, der diese Qualität trägt, wed sie sonst nicht
sein könnte, oder: Ein Gegenstand ist jetzt zum ersten-
mal, also giebt es einen andern Gegenstand, von dem er
ins Dasein gesetzt ist, oder : Das Feuer ist an Werg
herangebracht, also wird der Werg brennen, so ist
darauf zu erwidern, dass diese Einwände entweder gar
nicht zur Sache gehören oder, wenn doch, gar
nichts beweisen. Denn entweder ist in diesen Schlüssen
das Consequens mit dem Anteredens identisch, und daim
wird nichts gegen die Ausführungen des Nicolaus damit
bewiesen, oder aber das Consequens und das Antecedens
siBd nicht identisch. In diesem Falle aber könnic das Gegen-
teil des Consequens und des Antecedens zugleich wahr
lo) Ms. 16409. fol. 4:lr. Sed contra propositam regulam instat Ber-
nardu?, quia sequitur evidenter . . . .: Albedo est, ergo alia res est
etc. — . . Ad istas iastantias dico, quod . . . vel oportet, quod
dicat, quod noa sit ad propositum, vel quod si sunt ad propositum,
nichil tarnen concludnnt . . . ., quia vel in talibus consequentiis ....
consequens est idem realiter .... cnm toto autecedente . , . ., et
sie niohil ad propositum, . . . si vero dicatur, quod conseqens non
est idem cum autecedente . . . ., talis consequeniia non est evidens.
- 23 —
sein, und es gäbe dann keine evidente Gewissheit, wie
oben gezeigt wurde. ^o)
Gegen diese Anschauungen, die Nicolaus in seinem
zweiten Briefe an Bernard von -\rezzo dargelegt hatte,
trat ein gewisser Egidius in einem offenen Schreiben
an Nicolaus auf. Indem er unsere intellektuelle Erkennt-
nistätigkeit einteilt in die Apprehension, Division und Kom-
position imd die Apprehension wieder in die präcisivj,
durch die ein Ding mit .A.usschluss jedes andern, \on
ihm verschiedenen erfasst wird, und m die coaccepta-
tive, durch die ein Ding zugleich mit einem andern er-
fasst wird, sucht er durch die Tätigkeit der letztern zu
beweisen, dass es wohl möglich ist, aus dem Dasein ei-
nes Dinges auf das Dasein eines andern zu schlicssen.^^j
Denn in der coacceptativen Apprehension werden in ei-
nem einzigen Erkennnmissakte zwei von cinandar ver-
schiedene Dinge erfasst, deren jedes für sich allein be-
trachtet werden kann, die aber beide in einem derartigen
Zusammenhange stehen, dass aus dem einen das andere
geschlossen werden kann. So ist z.B. die Beziehung et-
was von ihrem tTerminus \'erschiedenes, aber gleichwohl
kann die Beziehung nicht ohne den Terminus erfasst
werden, weil eben das Wesen der Beziehung in ihrem
„Bezogensein auf etwas anderes" besteht, so dassj, wer
die Beziehung erfasst, notwendig auch den Terminus mit-
erfassen muss. Es wird hier also aus einem Dinge ein
anderes erschlossen, und dieser Schluss ist ganz evident,
weil ja das Consequens mit dem Antecedens teilweise
identisch ist, wenn es auch nicht gerade ein quantita-
il) Ms. 16409. foU. 46r. und 46v.
— 24 —
tiver Bestandteil ist.**)
Gegen einen solchen Gegner hatte Nicolaus ein leich-
tes Spiel, denn die Polemik des Egidius trifft gar nicht
die Sache, wäe auch Nicolaus bemerkt. ^^)
Es war nun behauptet worden, dass, weno es irgend
ein Wort oder irgend einen Satz gäbe, der nur ein einziges
Ding bezeichnet, daraus nicht ein anderes geschlossen
werden könnte, i-^) und dass daher in jedem' Schlüsse das
Consequens und das Antecedens ganz oder teilweise iden-
tisch sein müssten. Ganz dasselbe behauptet Nicolaus.
Denn in dem Begriffe der Beziehung liegt der Terminus
schon eingeschlossen, und wenn daher von der Bezie-
hung auf den Terminus geschlossen wird, so ist das Con-
sequens mit dem Antecedens teilweise identisch. ^^) Man
kann daher in diesem Falle auch gar nicht sagen, dass
aus einem Dinge ein anderes geschlossen wird, weil ja
das Consequens schon in dem Antecedens enthalten ist.^^)
Wenn z.B. die Vaterscliaft und deren Terminus in einem
einzigen Erkenntnisakte erfasst werden und daraus der
Terminus geschlossen wird, so kann man gar nicht sagen,
12) Ms. 16409. fol. -iBv. . . . positis duabus rebus, que due sun t
qualibet precisiva sumpra, tunc uua earum perfecte significata evi-
denter poterit inferre aliam. V^erbi gratia': relatio est res alia~a ter-
mino ; tarnen non perfecte potest apprehendi [Ms. 16409 fol. 47r.]
nisi termino cointellecto eo, quod esse relationis est ad aliud se
habere, et ideo, qui ponit relationem esse, ponit necessario terminum,
et sie relatio evidenter infert terminum. Et prpbatur evidenter hoc
corrolarium, quia in tali consequentia consequens est idem realiter
parti significati per antecedens, . . . licet non sit pars quantitativa.
13) Ms. 16409. fol. 49r. Instantie vestre non sunt ad f)ropositionem.
14) Ms. 16409. fol. 49r. . . . quod, si sit aliquis terminus vel aliqua
propositio significans precise unara rem esse, nnnquam ex taliTantece-
dente polcrit inferri 'alia res ess«.
15) Ms. 1G409. fol. 49v. . . . quod relatio infert suum terminum
esse. ... in tali consequentia consequens est idem cum autecedente
vel etc.
le) Ms. 16409. fol. 49 v. . . . non debet dici, (juod ex una re in-
fertur alia, quia illud, ratione cuius tenet consequentia, est idem re-
alteir consequenti.
— 25 —
dass aus einem Dinge ein anderes geschlossen wrerde,^^)
es wird vielmehr in diesem Schlüsse schon im Ante-
cedens ausgedrückt, dass der Terminus sei,i^) es ist al-
so das Cons^quens schon im Antecedens enthalten.
Was daher auf diskursivem Wege gefunden wird, war
schon vorher bekannt,i^) es wird eben durch' dieses Ver-
fahren gleichsam in ein helleres Licht gerückt, so dass
also nur die analytischen Urteile Gewissheit beanspruchen
können.
Gegen die Anschauungen des Nicolaus hatte Egidius, wie
schon vor ihm Bemard, auch mit Gründen gekämpft,
die der Erfahrung entnommen waren, dass nämlich von
den Veränderungen in der Natur, kurz von einem Ac-
cidens auf lein Subjekt geschlossen werden könnte.^o) Ni-
colaus lässt ein solches Schlussverfahren als berechtigt
gelten, wenn man die Veränderungen in der Natur defi-
niert als „die Erwerbung eines Zustandes in irgend ei-
nem Subjekte mit Vernichtung des früheren Zustandes
in demselben Subjekte," und das Accidens als „irgend
eine Eigenschaft in einem Subjekte," so dass von ei-
ner Veränderung in der Natur, überhaupt von einem Ac-
n) Ms. 16409. fol. 49v. Licet una sit intellectio paternitatis et
eius termini et ideo, qui istam habet intellectionem, posset ex sibi
apparentibus inferre terminum esse, tarnen non propter hoc debet
dici, quod ex una re evidenter inferatur alia esse.
is) Ms. 16409. fol. 49v, In ista consequentia, si sit bona:
,,Paternitas est, igitur eius terminus est", in autecedente significatur
per vos terminus esse. In hac consequentia ex una re non infertur
evidenter alia.
19) Ms. 16409. fol. 49v. . . . stat, quod non est vobis notum
consequenter discursui esse de aliquo, quod non erat notum »nte
omnem discursum.
20) Ms. 16409. fol. 50r. . . . transmutatio iiaturalis infert sub-
iectum esse eo, quod in significato eiusdem includitur subiectum esse.
— 26 -
cidens auf ein Subjekt geschlossen werden kann.^i) Aber
dies ist gar keine Instanz gegen Nicolaus, vielmehr be-
stätigt es nur seine Behauptungen, weil in diesen Schlüs-
sen das Conslequens in dem Antecedens schon enthal-
ten ist, also das Consequens mit einem Teile des Antec-
cedens identisch ist. Für die Wirklichkeit haben diese
Schlüsse gar keinen Wert, denn es ist eben fraglich,
ob es eine solche "Veränderung in der Natur, ob es ein
solches Accidens überhaupt giebt. Ihnen kommt diesel-
be Bedeutung zu, wie wenn ich daraus, dass das Wort:
„Mensch" einen Menschen und Esel zusammen bezeichnet,
schliessen wollte : „Homo est, ergp asinusest"-^) es sind
eben leere Spielereien. Ebenso wenig beweist der Ein-
wand, dass die Naturkräfte unter den erforderlichen Um-
ständen, wenn kein Hindernis vorhanden ist, tätig sind,23)
weil es gar nicht gewiss ist, ob es solche Naturkräfte
giebt, ja nicht einmal, ob sie überhaupt möglich sind.-^j
Denn wenn auch alle Bedingimgen, die zürn Eintritt ei-
ner Wirkung erforderlich sind, erfüllt sind, so lässt sich
gleich wohl behaupten, dass die Wirkung nicht eintre-
21) Ms. 16409. fol. 5ür. . . . concedo, quod in eius (sc. tränt -
mutationis naturalis) dcscnptione ponerelur subjectuni, ut dicatur :
,,Transmutatio naturalis est acquisilio aliruius rei in aliquo subiecto
cum destructione prioris rei in eodem su^liecto'', et turic concedo,
quod est valde bona consequeiitia: ,,Transmuta.*io naturalis est; igitur
subjectum est.' .... Et secumdum isium modum concessi in piin-
cipio Sententi;<rum : ,, Accidens est; ii^itur subiectum «-st," describendo
accidens, ut intelLgamu^, quod accidens signifuat aliquid esse in
subiecto.
22) Ms. 16409. fol. 50r non *-$♦: eyidens, utrum aliqua talis
transmutatio sit, .... Nam ponatur, quod ista vox : homo signiü-
caret hominem esse j:um asino, manifestum est, quod tunc sequirur •
„Homo est; ergo asinus est."
23) Ms. 16409. fol. öOv. Et consimili modo respondeo ad id, quod
uherius di«itur, quod agentia iiaturaiia et paSsiva cum debitis ci^cum-
staiciis iiiferret actiones suas esse.
24) Ms. 164ü9. fol. 50v. . . . non est evidens, quod in rerum uni-
versitate bint talia agentia, ymo nee, quod sint ponibilia.
— 27 —
ten wird,25) und alle diese Bedingungen sind nicht so
notwendig, dass, wenn eine fehlte, die Wirkung nicht
eintreten würde,26) und mit dem Dasein dieser Bedin-
gungen ist der Eintritt der Wirkung nicht derart ver-
knüpft, dass es ein Widerspruch wäre, wenn die Wirkung
ausbliebe. 2') Fassen wir die bisherigen Erörterungen zu-
sammen, so e rgiebt sich folgendes :
In jedem Schlüsse muss das Consequens mit dem An-
tecendens ganz oder teilweise identiscch sein. Es kann
also aus einem Dinge nur gefolgert werden, was schon
vorher darin enthalten ist. Nun ist in dem Begriffe eines
Dinges an imd für sich weder der Begriff der Ursache
noch der der Wirkung enthalten, es kann daher aus der
Existenz eines Dinges nicht geschlossen werden, dass es
Ursache oder Wirkung sei, weil beide nicht in dem Be-
griffe des Dinges als Bestandteile enthalten sind. Wir wis-
sen ja von dem Dinge nur, dass es existiert, daraus aber
lässt sich durch Analyse nicht schliessen, dass es Ursache
oder W^irkung sei. 28) Es gieljt daher keine philosophische
Erkennmis von irgendwelchen Wirkungen, durch welche
Ursachen sie her\orgebracht sind, oder von irgendwel-
chen Wirkungen, durch welche Ursachen sie hervorge-
bracht sind, oder von Ursachen, welche Wirkungen sie-
hervorbringen.29) Daraus, dass ein Ding jetzt ist und vor-
26) Ms. 164:09. fol. 50v. Nam demonstratis omnibus, que snnt re-
quisita ad cffectus, potero sustinere sine aliqua contradictione, que
posset inferri contra me, quod effectus huiusmodi non erit.
26; Ms. 16409. fol. 50v. Item in concursu causarum potero ratio-
nabiliter credere vel dubitare saltem, utrum ibi sit aliqnod agens,
cuius actio sit necessatio requisita ad positioneai talis effectus.
27) Ms. 164-09. fol. 50v non debeo credere, quod omnibus
istis rebus positis necessario effectus debeat esse necessitate tali, quod
sit contradictio alio modo se habere.
23) Chart. II. 1. p. 577. quod nulla potest esse simpliciter demon-
stratio, qua existentia tantum demonstretur existentia effectus.
29) Ms. 16409. fol. 132v. quod nulla demonstratio seu philoso"
phica inquisitio de effectibus quibuscunque, unde proveniunt, vel
causis naturalibus, quos vel quales effectus producunt vel producent,
est aliquo modo evidens sive certa.
— 28 -
her nicht war, weil es also entstanden ist, zu schliessen,
es müsse Min von diesem Dinge verschiednes geben,
das es hervorgebracht, ist un\vissenschaftlich,^Oj ^i^ j^ön-
nen eben nicht wissen, ob bei irgend einer Ilervorbringung
ein Subjek.t beteiligt sei,^^) wir wissen nur, dass dieses
Ding jetzt ist, während es vorher nicht v/a.T,^^) von einer
Causalität ist dabei keine Rede. Ebensowenig wie von
der Wirkung auf die Ursache, können wir, von der Ur-
sache auf die Wirkung schliessen. Wenn auch alle Bedin-
gungen, die die Ursache einer Wirkung sind, erfüllt sind,
so ist es doch nicht gewiss, das nun die Wirkung auch
notwendig eintreten werde. ^3)
Das Ergebnis der bisherigen Untersuchungen lässt seh
daher in folgende vier Sätze zusammenfassen:
I.) Aus dem Dasein eines Dinges kann nicht auf das
dasein eines andern, also : Aus dem Dasein eines Hin-
Wirkung nicht auf die Ursache und aus der Ursache
nicht auf die Wirkung.-^*^)
2.) Aus dem Dasein eines Dinges nicht auf das Nicht-
dasein eines andern. aUo : Aus dem Dasein eines Hin-
dernisses nicht auf das Nichteintreten der Wirkung und
aus dem Eintritt der Wirkung nicht auf das Nichtdasein
des Hindernisses. 35)
30) Chart. II. 1. p. 577. quod hec consequentia • „a est et prius
n«n fuit ; igitur alia res ab a est", non est evidens.
Ibid. p. 578. quod hec oonseqnentia non est evidens : ,,a est pro-
ductum ; igitur aliquis producens a est vel fait."
31) Chart. II. 1. quod nescimus evidenter, quod in aliqua produc*
tione concurrat subiectum.
82) Chart. II. 1. p. 583 quod si poneret generationem, non po-
neret subiectum, sed solum ordinem ipsius cause post non esse, puta
hoc ens est et prius non fuit.
33) Chart. II. 1. p. 577. quod quibuscumque acceptis, que possunt
esse causa alicuius effectus, nescimus evidenter, qnod ad positionem
eorum sequatur efifectus positio
34) Chart. II. 1. p. 576. quod ex eo, quod una res est, non potest
evidenter evidentia deducta ex primo principio inferri, quod alia res sit.
85' Chart. II. 1. p. 576. quod ex eo, quod una res est, non potest
evidenler inferri, quod alia res non sit.
- 29 —
3.) Aus dem Nichtdascin eines Dinges nicht auf das
Nichtdasein eines andern, also: Aus dem Nichtdasein der
Ursache nicht auf das Nichtdasein der Wirkung und aus
dem Nichtdasein der Wirkung nicht auf das Nichtdasein
der Ursache.3^)
4.) Aus dem Nichtdasein eines Dinges nicht auf das
Dasein eines andern, also: Aus dem Nichtdasein eines
Hindernisses nicht auf das Dasein der Wirkung und aus
dem Nichtdasein der Wirkimg nicht auf das Dasein eines
Hindernisses. 3^*)
Von dem Causalverhältnisse der Dinge giebt
es somit keine wissenschafthche Erkenntnis. Wenn aber
gleichwohl von einem Dinge auf ein anderes geschlossen
wird, so kann dafür nur eine Wahrscheinlichkeit in An-
spruch genommen werden, die darin begründet liegt, dass
das Antecedens und das Consequens einmal zu gleicher
Zeit vorhanden waren. Indem nämlich beide einmal oder
öfter zugleich oder unmittelbar nach einander von uns
wahrgenommen wurden, so schliessen wir, dass, wenn eins
von beiden in die Wahrnehmung tritt, auch das andere
eintreten werde. Wenn ich z.B. schliesse, dass ich, wenn
ich die Hand ans Feuer lege, warm werde, so liegt das
darin begründet, dass meine Hand einmal warm wurde, als
ich sie ans Feuer hielt, und so wird auch in allen ähnlichen
Fällen geschlossen, indem sich auf Grund der Erfahrung
die Ueberzeugimg gebildet hat, dass mit dem Eintritt
des einen Dinges .auch der Eintritt des andern verknüpft
se) Chart. II. 1. p. 576. ^uod ex eo, quod una res non est, non
potest evidenter inferri, quod alia res non sit.
36* Chart. II. 1. p. 576. Qluod ex eo, ^uod una res non est, noa
polest evidenter inferri, quod alia res non sit.
— 30 —
sei,^^) eine Evidenz kann ein solcher Schluss aber nicht
beanspruchen, sondern nur eine durch die Gewohnheit
begründete Wahrscheinlichkeit.
Drittes Kapitel.
Der Substanzbegriff.
Nächst dem Causalprobleme ist es vor allem der Sub-
stanzbegriff, den Nicolaus tiner Prüfung unterzieht und
nach seinen bisher erörterten Anschauungen verwerfen
muss. Während die Scholastik, auf Aristotelns fussend,
aus den Erscheinungen auf einen ihnen zu Grunde lie-
genden Träger, ein Subjekt, eme Substanz schüesst, be-
hauptet Nicolaus, dass Aristoteles — wo Aristoteles selbst-
verständlich nicht als nomen proprium, sondern als no-
men appellativum zu nehmen ist — von einer Substanz
als etwas von den Objekten unserer fünf Sinne und un-
seren Erfahrungen Verschiedenem keine evidente Kennt-
nis gehabt habe.^j Denn eine dem diskursiven Denken
vorausgehende Erkennmis konnte er davon nicht haben,
weil es eine intuitive Erkenntnis der Substanzen nicht giebt,
da dann auch die Bauern davon wissen müssten, was wohl
niemand behaupten wird.^) Ein Wissen durch Demon-
37) Ms. 16-409 fol. 42r, aimuis non habet notitiani probabilem de
aliquo conse^uenie virtute alicuius autecedentis, de Ruo non evi-
denter est certus, utrum conseRuens fuerit ali^luando simul cum ante-
cedente. Sic enim si <^uis bene consideret realiier notitia probabili
ut, Muia michi fuit evidens ili9uando, ^uod, <^uando ponebam manum
ad ignem, eram calidus, ideo probabile est mtcbi, qu«:'d, si nunc po^
nerem, quod essem calidus.
1^ Ms. 16409 foj. 4:2r. Ruod r.unRuam Aristoteles habuit notitiam
evidentem de ali^lua substantia alia ab anima sua, intelligendo sub-
stantiam ^uandam rem aliam ab obiectis <^uin9ue sensu .m et a forma-
libus experientiis nostris.
2) Ms. 164:09. fol. 4:2r. de tali re (sc. substantia) habaisset notitiam
ante omnem discursum, ^uod non est veram, cum non appareant
intTiitive,et item rusticis scirent tales res esse.
— 31 -
Station, indem aus den Erscheiniingen daraof geschlos-
sen wird, gicbt es ebenfalls nicht, weil in diesem Fal-
le von einem Dinge auf ein anderes, davon verschiedenes
Ding geschlossen wird, was gegen die schon häufig an-
geführte Regel verstösst.3) Dass übrigens der Schluss von
den Erscheinungen auf eine ihnen zu Grunde liegende
Substanz keine Gewisshe.t beanspiiichen kann, g ht schon
daraus hen^or, dass es der göttlichen Allmacht möglich
ist, in uns die Vorstellung einer Substanz hervorzurufen,
während diesen Wahrnehmungen in der Wirklichkeit kei-
ne Substanz ^entspricht. Nun ist aber nur der Schluss
evident, in dem das Gegenteil des Consequens, dessen,
was geschlossen wird, denkunmöglich ist. In dem Schlüs-
se von den Erscheinungen auf die Substanz wäre aber
das Gegenteil des Consequens möglich, und daher be-
sitzt dieser Schluss nicht die Gewissheit des ersten Denk-
princips.*) Auch in dem Falle, dass zu dem Antecedens
hinzugefügt wird, dass Gott kein Wunder thue, sondern
dass die Erscheinungen durch natürliche Ursachen ins
Dasein gesetzt seien, kann dieser Schluss keine Evidenz
beanspruchen.^) Denn es bleibt immer das Axiom be-
stehen, dass aus einem Dinge nicht auf ein anderes ge-
schlossen werden kann. Werm also aus den Erscheinun-
gen nicht geschlossen werden kann, dass sie von einem
andern ins Dasein gesetzt sind, so kann sicher nicht ge-
3) Ms. 16409. fol. 42r. nee sciuntnr (sc. substantie) ex discursu,
scilicet inferendo ex perceptis esse ante omnem discursnm, Ruia ex
una re non pntest infern, puod alia res sit.
4) Ms. 16409. fol. 42r. Cum apparentibus ante huiusmodi dis-
cursum potest e>^se per aliquam potentiam utpote divinam, ^iiod ibi
iubstantia non sit; igitur in lumine naturali non infertur evidenter ex
istis apparentibus, ^luod substantia sit ibi. . . . Nam dictum est, Ruod
conseRueniia evidens sit, ^uod contradictio est, per aliRuam poten-
tiam posset fieri, ^uod oppositum conseQuentis stat cum antecedente.
5) Ms, 16409. foi. 42v. Et si dicit, quod conseRueutia est evidens
addito ad antecedens, ^luod Deus non faciat iniraculum, istud re"
probatur secundum hec.
— 32 -
schlössen werden, von welchem andern sie ins Dasein
gesetzt sind, welches also die Ursache ihres Daseins ist.^)
Weil nämlich das Antecedens, in diesem Falle die Er-
scheinungen, aus denen auf die Substanz ge ch'osscn wird,
durchaus nicht dadurch verändert wird, von wem immer
es ins Dasein gesetzt ist, so kann auch daraus nicht
geschlossen werden, welches die Ursache seiner Existenz
sei, ob es durch natürliche Ursachen oder durch die
Allmacht Gottes her\'orgebracht sei."^) Und wenn fern-.^r
jemand von etwas nur weiss mittels eines Antecedens,
von dem er keine gewisse Erkenntnis besitzt, so kann
jene Folgerung auch nicht gewiss sein. Wenn daher aus
den Erscheinungen unter der Voraussetzung, diss sie durch
die Allmacht Gottes hervorgebracht sind, auf e'ne Sub-
stanz geschlossen wird, so ist dieser Schluss nicht evi-
dent, weil eben jenes Antecedens nicht gewiss, sondern
nur geglaubt ist,^) so dass auch der Schlusssatz nur ge-
glaubt werden kann.
Hiergegen war Egidius in dem schon genannten Brie-
fe an Nioolaus aufgetreten und hatte behauptet, dass
die Schlüsse von den Veränderungen in der Natur auf
ein ihnen zu GiTinde liegendes Subjekt und von den
Accidenzen auf eine Substanz evident gewiss seien. Ni-
colaus giebt die Evidenz dieser Schlüsse zu, wenn man
wie schon oben ausgeführt ist, die Veränderung definiert
als „die Erwerbung eines Dinges in irgend einem Sub-
e) M«. 16409. fol. 43r. Quando tx aliHuo autecedente, si esset
positum in esse ab al^uo agente, non potest inforri ülud conse9uens,
a ciuocumRue fuerit positum in esse.
7) Ms. 16409. fol. 43r. . . . autecedens in se non est propter hoc
v»ri»tum, a 4uocum^ue sit positum in esse, nee res significata per
autecedens.
g) Ms. 16409. fol. 43r. Qnando ali^uis non est certus de aliquo
conse^uente nisi mediante aliquo antecedente, de ^no, an itasit, sicut
significat, non est certus evidenter, ^uia nee illud est notum ex ter"
minis nee experientia nee ex talibus deductum, sed tantum est credi-
tum, talis non est evidenter cerlus de oonseHuente.
— 33 —
jekte mit Vernichtung eines früheren in demselben Sub-
jekte" und das Accidens als „etwas, was in einem Sub-
jekte ist." Wollte man aber daraus schliessen, dass es
es in Wirklichkeit Substanzen giebt, so wäre das ein
ganz gewöhnlicher Zirkelschluss. Denn es wird liier vor-
ausgesetzt, dass die Definition der natürlichen Verände-
rungen und der Accidenzen der Wirklichkeit entspricht,
während das erst noch bewiesen werden muss, da es
durchaus nicht evident ist, dnss es solche \'eränderung'-n
und Accidenzen giebt, wenn auch zugegeben wird, dass
es ein Entstehen und N'ergeh.n dir Dinge giebl.^)
Es lässt sich also nicht behaupten, dass es Substanzen
giebt, und wenn ein Gegenstand gezeigt wird, =o ist nicht
gewiss, ob ausser den Accidenzen etwas davon verschie-
denes, also eine Substanz vorhanden ist.-^) Ebensowen-
nig lässt sich a uch aus den Seelentätigkeiten auf eine
Seelensubstanz schliessen. Die Behauptung, es müsse ei-
nen Intellekt geben, weil es Erkenntnisvorgänge, und ei-
nen Willen, weil es Willens Vorgänge giebt, ist unbegrün-
det, weil dann aus dem einzelnen psychischen Akten auf
etwas davon verschiedenes geschloss.n würdj, \\a^ gegen
das Axiom verstösst.^^)
Nachdem Nicolaus so die Lehre von den ersten Sub-
stanzen verworfen hat. ist cs selbstverständlich, dass da-
mit auch die zweiten oder abstrakten Substanzen fallen.
Und gerade darüi besteht seine eigentliche Aufgabe,
den Realismus als unbegründet darzutun. Wenn es näm-
lich keine ersten Substanzen giebt, so noch viel weni-
9) Ms. 16409. fol. 50r. dico, 4uod non est evidens, utrum alif^ua
talis transmataiio sit, licet concedatur, ^uod ali^a;t re> acRuiratur de
novo vel corrtunpatur de novo.
10) Chart. II. i. p. 278. ^^uod paiie demonstrato non potest evi-
denter ostendi, Ruod ibi iit ali^ua res, Rue non sit ccidens.
11) Chart. II. 1. p. 578. 9uod iste conse^luentie noa sunt evidentes-
Actus intelligendi est; ergo intellectus est. Actus volendi est; igiiur
voluntas est.
— 34 —
ger abstrakte, 12) und dainit triumphiert der Xominalis-
mus über über den Realismus. Und rieht nur keine evi-
dente, sondern nicht einmal eine wahrscheinliche Kennt-
nis besitzen wir von den Substanzen. Denn neben den
Erscheinungen giebt es nicht noch andere Dinge, die
Substanzen heissen, so dass mit Wahrscheinlichkeit von
den Erscheinungen auf Jie. Substanzen geschlossen wer-
den könnte,^^) es sind nur die Erscheinungen gegeben,
von den Substanzen aber besitzen wir weder eine evi-
dente noch eine wahrscheinliche Kenntnis.
Viertes Kapitel.
Der erkenntnistheoretische Idealismus.
Unsere Ueberzeugung von der Realität der Aussenwelt
hat ihren Grund in der Gültigkeit des Causalitätsprincips.
Denn unser Selbstbewusstsein bezeugt uns, dass nicht wir
die Ursache unserer Wahrnehmungen sind. Wir schlies-
sen daher, dass sie von etwas ausser uns hervorgebracht
sind, dass ausser uns eine Wirklichkeit von Dingen exi-
stiert, die das Urbild unserer W^ahrnehmungen ist, wäh-
rend diese selbst die Abbilder der Dinge ausser uns
sind. Da aber in diesem Schlüsse von unseren Vorstel-
lungen auf die davon verschiedenen Dinge geschlossen
wird, so wird gegen das Axiom gefehlt. Daraus, dass
ein Ding ist, kann nicht geschlossen werden, dass ein
anderes ist. Wir haben daher von Dingen ausser ims
12) Ms. 16409. fol 42r. Et si de contnnctis non habuit (sc. Aristo-
teles), mnlto minus de abstractis habuit notitiam evidentem.
13) Ms. 16409. fol. 42r. NunRuam fuit alicui evidens, quod positis
rebus apparentibus ante oranem discursum essent Ruedam alie res,
«lue dicuntur substantie. Igitur se^luitur, 9uod de existentia earum
non habeamus probabilem notitiam.
— 35 —
keine evidente Gewissheit des ersten Denkgesetzes. ^) Ge-
geben sind uns nur die einzelnen Wahrnchmun
gen, die einen Teil unserer psycliischcn Inhalte
bilden. Wir wissen dalier auch nur \on unsern see-
lischen Vorgängen, dagegen von einer MatiTte kön-
nen wir nichts wissen, der Schluss von den Wahr-
nehmungen auf eine von unserer Seele verschiedene, ma-
teriellen Substanz besitzt n'cht die Gewissheit des Sat-
zes vom Widerspruch. 2] Zudem wäre es möglich, dass
durch die Allmacht Gottes in uns \^orstellungen von Din-
gen hervorgerufen würden, und wollte man daraus auf
Dinge ausser uns schliessen, so wäre es ein Fehlschluss.
Nun ist aber nur das evident, dessen Gegenteil denk-
unmöglich ist. Daher kann der Schluss von den Wahr-
nehmungen auf Dinge ausser uns nicht gewiss sein, und
wir haben somit durch die Erscheinungen von den Din-
gen keine gewisse Erkenntnis. 3) Sind uns so nur unsere
psychischen Inhalte gegebeni, so ist klar, dass dem ei-
nen dieselbe Wahrheit zukommt w.e dem andern, weil die
Wahrheit oder Falschheit unserer Wahrnehmungen nur
davon abhängt, ob sie mit den \>rhältnissen der Aus-
senwelt übereinstimmen oder nicht. Da wir aber von ei-
ner Aussenwelt nichts wissen, so kommt allen unseren
Wahrnehmungen die gleiche Wahrheit zu.*)
1) Ch.irt. IT. 1. p. 583. Ruod in luinine naturalt intellectu«; viatoris
non potest habere noticiam evidentie de existentia rerum evidentia
reducta seu reducibiJi ad evidentiam sea certitudinem primi principii.
2) Chart. II. 1. p. 577. quod de sabstantia m.iteriali alia ab aninaa
nostra non habemus certitudinem evidentie.
3* Chart. II. 1. p, 580. ciuod de rebus per apparentia naturalia
qua$i nulla certitudo potest haberi.
i) Chart. II. 1. p. 578. qtiod non potest evidenter ostendi, Ruin
omnia, ^ne apparent, sint vera. 1. c. p. 584. In artibus tennisse
dicitur, quod oinne, 4uod apparet, est verum.
- 36 —
Fünftes Kapitel.
Zweck lind Wertunterschied der Ding-e.
Der Zweck ist das, um dessent willlen etwas geschieht.
Es wird also, wenn vom Zweck die Rede ist, behauptet,
dass eine Sache einer andern wegen ist, da'ss die andere
ihre Ursache ist. Nun ist nur der Schluss evident, in
dem das Consequens mit dem Anteccedens ganz oder teil-
weise identisch ist, es kann daher aus einer Sache nur
das geschlossen werden, was in ihr absolut und an sich
enthalten ist. Wird aber von einer Sache behauptet, dass
sie die Ursache einer andern ist insofern, als diese ihret-
wegen ist oder geschieht, so wird aus ihr etwas geschlos-
sen, was nicht in ihr enthalten ist, es ist also das Com-
sequens mit dem Antecedens weder ganz noch teilweise
identisch. Daher kann nicht behauptet werden, dass eine
Sache der Zweck einer andern sei,i) und damit ist der
Zweckbegriff gefallen.
Auf Grund desselben Axioms, dass aus einem Dinge
nicht auf ein anderes, davon verschiedenes geschlossen
werden kann, wird der Wertunterschied der Dinge ge-
leugnet. Werden nämlich zwei Dinge mit einander ver-
glichen und wird auf Grund dieser \"ergleich.ung von dem
einen behauptet, das es voUkommner sei als das andere,
so wird gegen das obige Axiom Verstössen. Denn die
grössere Vollkommenheit des einen Dinges gegenüber dem
andern, ist nicht schon in dem Dinge an und für sich
enthalten, weil sie sonst auch ohne die Vergleichimg au=^
dem reinen Begriffe eines Dinges müsste gefolgert wer-
den können, sie ist also etwas von dem Dinge verschie-
l) Chatt. II. 1. p. 577. ^uod ali^luis nescit evidenter, Ruod una
res sit fiuis alterius.
-^ 37 -
denes. Daher kann aus der Vergleichimg zweier Dinge
nicht mit Evidenz geschlossen werden, dass das eine voll-
kommener sei als das andere^^j weil in diesem Schlüsse
das Consequens mit dem Antecedens weder ganz noch
teilweise identisch ist. Da somit alle Dinge gleichwertig
sind, unterscheiden sie sich auch alle in gleicher Weise
von einander, und der Unterschied eines Dinges von
dem einen ist nicht grösser als der von dem
andern, so dass, wenn die Dinge von einander unter-
schieden werden, die Unteirscheidung bei allen die glei-
che und höchste ist.^) Mit der Gleichwertigkeit aller Din-
ge aber ist es gegeben, dass kein Ding imvollko(mmener
als ein anderes sein kann, und wenn so alle Dinge gleich
gut und vollkommen sind, muss diese Welt sowohl in
sich als auch hinsichtlich aller üirer Teile die beste sein,
und eine UnvoUkommenheit ist in ihr nicht möglich, so
dass nur die optimistische Weltauffassung berechtigt ist.')
Daher ist es töricht zu glauben, die Vollkommenheit der
Welt könne durch irgend etwas beeinträchtigt werden imd
es sei daher besser, wenn das eine oder andere nicht exis-
stiere, vielmehr trägt jedes Ding an seiner Stelle zur
VoUkoonmenheit bei, und seine Existenz ist zur Welthar-
monie notwendig.^) Die Unmöglichkeit aber, die ]3inge
hinsichtlich ihres Wertes und ihrer \'ollkommenheit von
einander zu unterscheiden, liegt darin begründet, dass der
objektiv gültige Massstab für diese Unterscheidung fehlt.
Es bliebe daher der reinen Willkür des Beurteilers über-
lassen, dieses Ding für vollkommen, jenes für unvoll-
2) Chart. II. 1. p. 577. Rnod non potest evidenter ostendi nobilitas
uniusrei super aliam.
3) Chart. II. 1. p. 584. 9uod cjuecnniRue distinguuntur, summe
distinguuntur et eRualiter distinguunter.
4) Chart. II. 1. p. 581. Muod Universum est perfectissimnm se-
CTindum se et secundum omnes partes suas et quod nulla imperfectio
potest esse in toto nee in partibus.
5) Chart. II. 1. p. 581. cjuod HuicCluid est in. universo, est melius
ipsam Ruam non ipsum.
- 38 —
kommen zu halten, so dass er von jedem Dinge behaupten
könnte, es übertreffe alle andere durch seine \'ollk«m-
menheit.^) Und da Gott das vollkommenste Wesen ist.
das alle andern durch seine X'oUkommenheit überragt,
so könnte man jedes Ding für Gott halten, "^j und
ebenso müsste man ihm die höchste Ehre erwei-
sen.^) Diese Absurditäten zeigen, wohin die Lehre
von dem Unterschiede der Dinge hinsichtlicl) ihres Wer-
tes führt, und das Resultat ist daher, dass alle Dinge
gleichwertig sind.
Sechstes Kapitel
Der Occasionalisnms des Nikolaus.
Als um die Wende des 12. Jahrhunderts die arabische
Philosophie das Abendland überflutete, drang mit ihr auch
die Prädestinationslehre und der Fatalismus der moha-
medanischen Religion m die Schulen ein und fand selbst
unter den christlichen Philosophen Anhänger und Ver-
teidiger, so dass sich die Kirche genötigt sah, dagegen
einzuschreiten. So verwarf Robert Kilwardby, Erzbischof
von Chanterbury, im Jahre 1276 mehrere Sätze, in de-
nen behauptet wurde, dass nicht nur die physischen Vor-
gänge,^) sondern auch die Seelentätigkeiten unmittelbar
von Gott verursacht seien, und zwar nicht nur die Willens-,
sondern auch die Erkenntnisakte. ^j Doch diesse Verbote
vermochten solche Anschauungen nicht zu unterdrücken,
e) Chart. 11. 1. p. 577. 4uo(J MuacumCiue re demonstrata nullus
seit evidenter, 9uiii excedat nobilitate omnes alias.
7) Chart. II. 1. p. 577. ^uod f|uacumque re demonstrata nullus
seit evidenter, <luin ipsa sit Dens, si per Deum infelliganxus ens nobi-
lissiu:u:n.
g) Chart. II. 1. p. 578. quod nnllus seit evidenter ^lualibet re
ostensa, 9uin sihi deheat impendere niaximum honorem.
1) Coli. jud. 1. p. 198. ca-. X.IV.
2) Coli. jud. I. p. 195. (6.) 9uod vuluntas et intellectus non mo"
ventur in acta per se, sed per eausain sempiternam.
(21.) Tuod omnes motus voluntarh reducunter ad mctorem primum.
— 39 —
und zur Zeit ides Nicolaus stand der Occasioualismus wie-
der in voller Blüte. Thoma.s Bradwardin, Erzbischof
von Chanterbury, (f 1340J leugnete die Mittelursachen,
denen er ohne .\nregung und Mitw'rkuiig Gottes j^dc Tä-
tigkeit absprach,^) und im Jahre 1347 wurden von dem
Kanzler der Pariser Universität, Johannes von Bardis,
und 43 Professoren der Theologie mehrere Sätze des Jo-
hannes von Mirecuria und anderer verworfen, in denen*
gelehrt würde, dass der götdiche Wille die erste wirkende
Ursache jedes physischen Dinges und Geschehens sei*)
und der geschöpfliche Wille nur vermittels der ersten
Ursache tätig sein könne. ^) Von diesen Strömungen konn-
te Nicolaus nicht unberührt bleiben, und in der Tat fin-
den wir ihn in den Reihen der Occasionalisten. Nur
Gott kann die Ursache einer Wirkung se'n,6)und Ursachen
ausser Gott, die Wirkungen hervorzubringen vennöchtcn,
kennen w^ir nicht.'^)Natürliche Wrkur Sachen kann es über-
haupt nicht geben,8) und von Wirkungen, die durch Na-
turkräfte hervorgebracht wären, wissen wir nichts. 9) Die-
se Einzigkeit der Causalität Gottes gilt nicht nur in der
physischen, sondern auch in der geistigen Welt. Unser
Erkennen kommt nicht etwa durch die Tätigkeit unseres
3) Coli. jnd. I. p. 323. Secundas cansas !-ine praeefficientia de
nichil agere posse.
4) Chart. II. 1. p. 610 (9.) quod voluntas divina cuiuslibet rei
ad extra, 9tialitorcunC[ue ipsa sit vel fiat ab aÜMuo, est efüciens prima
caasa.
5) Chart. II. 1. p. 610. (35.) 4uod voluntas creata, qualitei^um^ue
causat aliquid seu aliQualiter agit, illud agit seu taliter agit virtute
prime cause moventis et sie moventis.
e) Chart II. 1. p. 577. cjuod ne.scimus evidenter, ciuod aliRua a
Deo possit esse causa alicuius effectus.
7) Chart. II. 1. p. 577. quod nes imtis evidenter, quod aliqua causa
causet efficienter 9ue non sit Dens.
s) Chart. II. 1. p. 577. quod nescimus evidenter, c[uod aliqua
causa efficiens natnralis sit vel esse possit.
9) Chart. II. 1. p. 577. quod nescimus evideiiter, utrum aliquis
effectus sit vel esse possit naturaliter productus.
— 40 —
Geistes zustande, sondiTii dadurch, adss vermittels
der Gnade durch eine gewisse gei'.tige Bewegung
eine Realität der Seele gegenwärtig wird dadurch
die Erkenntnis hervorgerufen wird.^^j Und wie für
die Tätigkeit unseres \'erstandes, so muss Gott auch
für die einzehien Willensakte die einzige Ursache
sein.
Wie sich aber NicoUus diese Causalität Gottes be-
züglich der psychischen Tätigkeit gedacht iiabe, werden
wir Lni folgenden Kapitel ^ehen. wo die Psychologie zur
Darstelliuig gebracht wird.
Siebtes Kapitel.
Die PsychoIog"ie des Nikolaus.
Schon bei der Erörterung des Substanzbegriffes wur-
de bemerkt, das Nicolaus die Substanzialität der Seele
leugnet ^) und ein Anhänger der Aktualitätstheorie ist,
und in dem vorhergehenden Kapitel sahen wir. dass er
den Occasionalismus auch auf die geistigen \''orgänge
ausdehnt. Der Wechsel in unserm seelischen Leben, be-
sonders in der Erkenntnis, rülirt nicht von einer Selbst-
tätigkeit unseres Geistes, sondern allein von der Ein-
wirkung Gottes her, während wir selbst uns rein pas-
siv verhalten. Wie nämlich in den materiellen Dingen
nichts absolut von neuem entsteht, sondern nur durch
eine Ortsbewegung zu einem Dinge etwas hinzutritt, was
vorher in diesem Dinge noch nicht vorhanden war, so
schafft auch unser Geist die PIrkenntnisse nicht aus nichts,
sondein etwas Intelligibles tritt sozusagen durch eine geis-
lo) Chart. 11. 1. p. 582. aliqua realitas effioitar presens anime per
quendam motum spiritualem iuxta gratiam
l) Chart. II. 1. p. 578. quod iste consequentie non sunt evidentes :
Actos intelligendi est; ergo inteliectus est. Actus volendi est; ergo
voluntas est.
— 41 —
tige Bewegung zu ihm hinzu und bewirkt dadurch die
Erkenntnis. 2) Dies ist aber nicht etwa so zu denken, als
wenn die Objekte auf unsere Seele wirkten, indem sich
körperliche Atome davon absondern, sondern wenn ein
Objekt gegenwärtig ist und alle übrigen Bedingungen zur
Tätigkeit des Erkenntnisvermögens erfüllt sind, wird dem
Geiste eine gewisse Realität zugeführt (aliqua realitas
efficitur presens anime), die vorher nicht g^ger wärt ig war,
gleichwohl aber in sich bestand, und zwar geschieht dies
durch eine geistige Bewegung, die durch die Gnade be-
wirkt ist.3) Auf diese Weise wird denn auch die Erkennt-
nis, die jetzt jemand besitzt, bald darauf einem andern
zu teil, weil in dem Wechsel des geistigen Geschehensi
nicht etwa eine Erkennmis kürz darauf ins Nichts versinkt,
sondern wie in der Körperwelt die Materie, so bleibt
auch in der intelligibeln Welt jegliche Realietät erhalten,
und die Wahrnehmung oder Erkenntnis, die jetzt dem
einen zu teil wurde, wird bald darauf durch die Einwir-
kung Gottes einem andern zu teil.*) Aber Gott ist nicht
nur der Urheber unseres Erkennens, sondern audi un-
seres Wollens und Handelns. Wie nämlich die schweren
Körper zur Erde fallen, weil sie die gleiche Beschaffenheit
mit ihr besitzen, das Feuer aber als edler Körper zimi
Feuer und andern ihm verwandten, edlen Stoffen in
2) Chart. II. 1. p. 582. quod aliquando intelligamus, aliquando
non, hoc pro tanto est, quia per motum spiritualem redditur res
aliqua intelligibilis, cum coniungnntur aliqua circa sensus, sicut etiam,
ut dicit, in rebus permanentibus matetialibus nichil est novum de
novo in esse positum ; tarnen aliqua res est aliquando presens alicui
per motum localem. cui primo non erat presens. Et sie est in anima
nostra per motum spiritualem.
3) Chart. II. 1. p. 582. quod potentie nichil recipiunt ab obiectis,
sed presente obiecto et aliis coucurrentibus ad operacionem potentie
aliqua realitas efficitur presens anime, que prius non erat presens, et
tarnen erat in se nee fit presens per resolutionem corporum atho-
malium, sed soluna per quandam motum spiritualem inxta gratiam.
4) Chart. II. 1. p. 582- quod intellectio eadem, que nunc est
presens michi, erit postea presens alten supposito.
- 42 —
die Höhe steigt, so kommen auch zu den edlen Seelen
edle Gedanken und Bild r, zu den schlechten aber nur
schlechte, und deshalb sprechen auch, weil die Sprache
ihren Gedanken Ausdruck giebt, die Irdischgesinnten vom
Irdischen, die Edelgesinnten \om Edlen. Und aus die-
sem Herantreten edler und gemeiner Bild r und Gedan-
ken an einen Menschen lässt sich auch ein Urteil über
ihn selbst bilden, weil das Gleiche zum Gleichen strebt
und mit einem unedlen Geiste sich keine edLn Gedanken
vereinigen können.^; Da nun aber durch de \^orstellun-
gen die Willensentschlüsse und durch diese wieder die
moralischen Handlungen der Menschen bedingt sind, so
ist Gott nicht nur der Urheber unseres Erkenncns, sondern
auch unseres Wollens ur.d Handelns. Gleichwohl hält Ni-
colaus die Lehre von der Vergebung nach dem Tode
aufrecht. Wenn sich nämlich die Atome eines Körpers
trennen, — Nicolaus ist Anhänger der Atomenlehre —
bleiben Sinn und Intellekt zurück, die nunmehr mit ei-
nem andern Körper eine neue Verbindung eingehen. In
demselben Verhältnisse nun, in dem Sinnlichkeit und In-
tellekt vorher standen, werden sie auch in dem neuen
Köri>er stehen, und indem die Trennung von einem
Körper und die V^eremigung mit einem neuen sich un-
zähligemal wiederholt ,findet die Belohnung oder Bestra-
fung statt. Standen nämlich das niedere und höhere See-
lenvermögen in einem wohlgeordneten Verhältnisse,
herrschte der Geist über die Sinnlichkeit, so wird auch
in allen folgenden Fällen dasselbe Verhältnis obwalten
5) Chart. II. 1. p. 582. quod sicut vilia vadunt ad centrum et ad
terram propter unigeneitateni, quia sunt terrea, ignis autem ad ignem
et alia nobilia coipora sibi similia, ita videtiir, qnod ad animas no-
biles venjant nobilia exemplaria, ad viles vilia, et qui snnt de terra,
de terra Io''urita.r. Unde talis aduentus exenlplari^ nobilium et vilium
videtur attestari perfectioni vel imperfectioni animarum, quia talia
exemplaria non veniunt ni>i propter unigeneitatem.
— 43 —
und dadurch der Gute belohnt werden, während b^i dem
entgegengesetzen Vcrhähnissc der Böse bestraft wird.Doch
kann jene Belohnung auch dadurch stattfinden, dass jene
beiden Vermögen der Guten sich wider mit einem Sub-
jekte verbinden, das aus vollkommeneren Atomen zusam-
mengesetzt ist, wodurch ein Subjekt von grösserer Voll-
kommenheit und Beweglichkeit entsteht, so dass das In-
telligible jetzt mehr als vorher zu ihrem Geiste dringen
kann, während bei den Schlechten das Gegenteil ein-
tritt.ß) Diese Unvergänglichkeit der Seele gilt nicht nur
a parte post, sondern auch a parte ante, die Tätigkeiten
unserer Seele sind ewig,"^) so dass unser Los die ewige
Seelenwanderung ist.
Achtes Kapitel.
Die Atomistik des Nikolaus.
Waren schon die bisherige;: Ausführungen dazu ange-
tan, Nicolaus eine für seine Zeit ganz ungewöhnliche
Stellung einnehmen zu lassen ,so dürfte unser Staunen
noch grösser werden, wenn wir sehen, dass in ihm auch
der alte Atomismus wieder auflebt. Ob er etwa durch
eignes Nachdenken darauf geführt oder durch die Schrif-
e) Chart. II. 1. p. 581. quod premiatio bonoinm et punitio maloram
per hoc fit, quia quando corp^ra athomalia segregantur, remanet
quidam Spiritus, qui dicitur sensus, et isti Spiritus, sicut m vita se
habebant in optima dispositione, sie se habebunt infinities, secundum
quod iila individaa infinities congregabuntur, et sie in hoc bonus
premi.ibitur, malus autem punietur, quia infinities, qi ando iterabitur
congregatio suorum athomalinm, habebit semper suam malam dispo-
sitionem. Vel potest, dicit, aliter, poni, quia illi duo spiritus bonoruta
quando dicitur corrumpi suppositum eorum, fiunt presentes alteri
supposito constituto ex atliomis perfectiorihus. Et tunc, cum tale
suppositum sit maioris flexionis et perfectionis, idcirco intelligibilia
magis quam priüs veniunt ad eos.
7) Chart. II. 1. p. 582. quod actus anime nostre sunt eternL
— 44 —
ten der Atomisten dafür geHX>rmen oder \x)ii Zeitgenos-
sen darin eingeweiht sei, das zu entscheiden ist nicht
mögUch. Werke, in «denen der Atomismus vertreten wurde,
standen ihm in den beiden Bibliotheken der Sorbonne,
in der er vx>n 1320- 1327 wohnte, zur Verfügung, wie
sich aus dem im Jahre 1338 angefertigten Kataloge er-
giebt,ij und dass auch zu seiner Zeit der Atomismus
nicht ganz ausgestorben war, beweist die Tatsache, dass,
abgesehen von anderen, Eyniericus in seinem „Directo-
rium inquisitionis" um 1300 unter anderen Irrtümern auch
die .Ansicht verwirft, dass jedes Ding aus den kleinsten
Teilen besteht, und wenn die Atome sich trennen, ein
Ding vernichtet wird, und wenn sie sich vereinigen, ein
Ding entsteht. 2) Wie dem auch sei, jedenfalls hat Ni-
colaus die erste Anregung von fremder Seite empfangen. .
In den natürlichen Dingen giebt es nur eine Ortsveräii-
derung. nämlich «eiine Vereinigung und Trennung von
Atomen. Wenn sich die Atome zusammenscharen
und dadurch die Natur eines Suppositums bilden,
nennt man es Entstehung, wenn sie sich trennen, Ver-
nichtung, und wenn sich durch Ortsbewegung Atome mit
einem Subjekte derart ven?inigen, dass dadurch nicht ei-
ne Tätigkeit oder Bewegung hervorgerufen wird, ^o nennt
man es Veränderung.^) Die Atome selbst sind ewig, und
damit ist ein Entstehen aus dem Nichts und ein Werden
i) Franklin :. La Sobon.e. p. 233.
2) Coli. ju(J. p. 245. 1 12.) qund res quaelibet ex atomis minu"
ti^sini s ronst tuitu', et quaid«» atomi dividuntur, res corrumpitur, et
quando atomi divituntU', res corrumpitur, et quando uniunter, ^eneraiur.
3) Chart. II. I- p. 581. quod in rebus n;«turalibu-i non est räsi
motus localis, scilioft con;;regationis et disgregattonis, ita quod,
«luando ad ta!em mo<um sequitur congregatio corporum atbomalium
naturalium, c«>l!ig>»ntur ad invicem et sortiuntiir natuiam unius
suf |>ositi, dicitar 'H'^ratio; quando segregantur, dicitur corrtiptio;
et quando per moium localem itbomalia sunt cum aliquo supposito,
que fiunt talis, quod nec advenius illovuin faceve videtur ad motum
suppONiii vel »d id, quod dicitur operatio naturalis eius, tunc dicit:r
«Jieratio.
— 45 —
zu dem Nichts ausgeschlossen. Das Werden besteht eben
darin, dass sich schon vorhandene Atome vereinigen, die
Veränderung darin, dass zu diesem Atomen comprf exe an-
dere Atome hinzutreten, und das Vorgehen darin, dass
sich die Atome wieder aus ihrer Vereinigung auflösen.
Somit ist der gesamte Naturprocess in letzter Linie wei-
ter nichts als eine Vereinigung und Trennung von Ato-
men, herbeigeführt durch Ortsveränderung.*) Weil mm
die Atome ewig s.nd, so sind auch die einzelnen Dinge,
von denen man gewöhnlich sagt, dass sie werden jund
vergehen, ewig. Denn das woraus sie bestehen, was ihr
eigentHches Wesen ausmacht, die Atome, s nd ewig, und
werm sie sich auch aus ihrer Vereinigung auflösen, |so
gehen sie doch bald darauf wieder andere Verbindungen
ein imd lasssen so das frühere Ding wieder jaufleben,
so dass man sagen kann, die Dinge sind ewig, mögen
es neue Substanzen, mögen es Accidenzen sein. 5) In die-
sem «ewigen Kreislaufe der Dinge giebt es daher nur
ein relatives Entstehen und Vergehen, ein absolutes Wer-
den, ,also ein Uebergang \'om Nichsein zum Sein, jund
ein absolutes Vorgehen, ein Uebergang vom Sein ziun
Nichtsein, schliesst geradezu einen Widerspruch ein und
ist daher denkunmöglich,<») weshalb nur die Lehre der
Ewigkeit der Welt Beistimmung \'erdient, nicht aber die
entgegengesetzte von der Erschaffimg und \>rgänglidh-
keit der Welt.'^) Weü nun alle Dinge aus Atomen zusam-
mengesetzt sind, die ihrer Qualität nach alle einander
4) Chart. II. 1. p. 582. in rebus permanentibus materialibus nichil
est novum de novo in esse positum ; tarnen aliqua res est aliquando
presens alicui per motuni localem, cui primo non erat presens.
5) Chart. II. 1. p. 5^1. quod res absolute permanentes, de quibus
dicitur. communiter, quod generantur et corrumpuntur, sunt eterne,
sive sint sub.stentie sive siiit accidentia. Ibid. p. 578. quod non
potcst evidenter o^teudi, quin quelibet res sit eterna.
e) Ciiart. II. 1. p. 582. quod esse corruptibile includit repugnan-
tiam et contradictionem.
7) Chart. II. 1. p. 582. quod isti conclusioni, quod res permanentes
sunt eterne, magis est assentiendum quam opposite.
— 46 —
gleich sind, so sind auch die Dinge alle einander gleich
hinsichtlich ihrer Qualität, urd es wäre töricht, zu ghu-
ben, ein Ding sei edler und besser als ein anderes.®;
Daher ist die Welt die beste,, weil die ewigen Atome,
aus denen si-e zusammengesetzt ist, nicht aid ts sein kön
nen, und di^eses Universum ist das vollkommenste sowx)hl
in sich als auch hinsichtlich seiner Teile, und eine ün-
vollkommenheit kann weder in dem Ganzen noch in den
einzelnen Teilen vorhanden sein. In diesem Weltall nimmt
jedes Ding die notwendige Stelle ein und ist infoljge
seiner Konstitution aus den gleichen Atomen cb?nso will-
kommen wie jedes andere, etwas Unvollkommenes gicht
es nicht, so dass das Dasein jedes Dinges besser ist,
als wenn es nicht wäre.^'^) Aus solchen Atomen besteht
auch der Körper der Mons-chen, dessen Loben damit'
beginnt, dass mit einem Atomencomplexe sich die mensch-
liche Seele vereinigt, zu diesem treten dann neue Atome
hinzu, während andere ausscheiden, wodurch das Wach-
sen ibedingt ist. bis sich schliesslich die Atome auflösen,
wodurch dann der Tod eintritt. Nach diesem Leben be-
ginnt darm ein neues in einem andern Körper, wie schon
in der Psychologie des Nicolaus näher ausgeführt ist.
Dabei scheint er hart an den Materialismus heranzustrei-
fen, indem er behaupvtet, dass infolge der Konstitution
eines Körpers aus feineren Atomen die rein geistige Tätig-
keit der Seele vollkommener ist als in einem Kör|>er,
der ^aus gröberen Atomen zusammengesetzt ist, so dass
also die Verstandestätigkeir abhängig wäre von der Be-
g) Chart. II. 1. p. r)77. rjuod non potest evidenter ostendi nobilita«
nnius rei super aliam.
9) Chart. II. 1. p. 587. quod Universum est perfectissiraum se-
cundum se et secundum omnes partes suas, et quod nulla imperfectio
potest esse in tote nee in partibus.
10) Chart. II. 1. p. 581. quod quioquid est in universo, est mslius
ipsum quam non ipsum.
— 47 —
schaff enhcit der Atome eines Körpers. ^i) Dieser Atomis-
mus macht Nicolaus auch /m einem Anhänger der Emis-
sionstheorie ,des Lichtes. Dieses besteht nämUch darin,
dass, wenn ein leuchtender Körper vx)rhanden ist, die-
se Atome in Bewegung gesetzt werden und durch diese
Ortsbewegung das Licht verbreiten. Wenn dagegen ein-
gewendet wird, dass dies nicht durch Ortsbewegung ge-
schehen kann, weil das Licht sich plötzlich verbreitet,
so ist dem entgegenzuhalten, dass es in der Zeit ge
schiebt wie der Schall, wenn wir es auch nicht wahr-
zunehmen vermögen. 12) So stellt sich uns denn die pe-
schiichte des Weltalls dar als ein ewiges Wechselspiel
von Entstehen und Vergehen, im Werden eines Dinges
ist schon sein Untergang besiegelt, woher es gekommen,
dahin strebt es zurück. Und was von den einzelnen Din-
gen gilt, gilt auch von dem Universum, es strebt zu
seinem Ausgangspunkte zurück. Einmal wird der Augen-
blick kommen, wo alles seinen Platz einnimmt wie im
Anfange, um dann das Spiel von neuem zu beginnen.!"^)
11) Chart. II. 1. p. 582. Uli duo spiritus bonorum, quando dicitur
corrumpi suppo ituni eorum, fiunt presentes alteri supposilo constituto
ex atliomis perfectiorihus. Et tunc, cum tale suppositum sit maioris
flexionis et perfectionis, idcirco in telligibilia magi^ quam prius ve-
niunt ad eos.
Einen sinnverwiri enden Fehler findet man an dieser Stelle bei Bu-
läus, der schieibt- minoris perfectionis, was Kurd Lasswitz: Gesch.
d. Atomist. I. p. 2o8, Anmerk. unten, nachdruckt, ohne den Wider-
spru h darin zu sehen.
12) Chart. II. 1. p. 581. qu:)d lumen nichil alind est quam quedam
Corpora, que nata sunt sequi .notum solis seu etiam alterius corporis
luminosi, ita quod fit per motum localem talium corporum advenien.
tium ad presentiam co'poris luminosi. Et si dicatur, quod non potes^
fieri per moium localem, quia in instantifit, rcsbondet, quod ymo fi^
liitempore sicut sonus, licet non percipiamus^ quod fit subito.
13) Chart, II. 1. p. 585. quod supposita redeunt eodem numero per
reditum corporum supracoelestium ad eumdeia situm.
— 48 —
Neuntes Kapitel.
Nikolaus und die^Schola ,tik.
Diese Anschauungen sind das gerade W'idersp el gegen
jene Philosi^phie. die von Aristoteles begründet, durch
die Araber dem christlichen Abendlande üb-rmitielt und
von den grossen Scholastikern ausgebaut. In den Schu-
len (herrschend geworden und von der Kirche als die
officielle Leh*-e prokhimiert worden wpar. Es findet sich
bei Nicolaus nahezu kein einziger Satz, gegen den ßich
nicht ein direkt widersprechender aus der Scholastik an-
führen liesse. Kein Wunder daher, dass ihm die tra-
ditionelle Lehre als der Inbegriff aller Irrtümer und Tor-
heiten erscheint ! Zwar gesteht er zu, dass sich in den
Werken des Aristoteles — Aristoteles ist natürlich als
nomen appellativum, nicht als nomen proprium zu neh-
men, einen Scholastiker nennt er nirgends — manche
Sätze finden, gegen die sich niclits einwenden lässt, aber
gerade seine HauptschrÜten enthalten durchweg Lehren,
deren direktes Gegenteil wahr ist.^j In seiner Metaphy-
sik ,und Naturphilosophie finden sich keine zwei, viel-
leicht nicht einmal ein einziger evidenter Satz, noch viel
weniger aber bei seinen Epigonen wie einem Bernard von
Arezzo, der sich doch wohl nicht für grösser als Aristo-
1) Chart. II. 1. p. 5(S(). (juod vidit (,sc. Xicolaus) in dictis Aristo-
lilis et comnientatoris mille conclusiones dcteraiinatas, contra quas
non invenit rationes demonstrata^ ; sed bene occurrerunt sibi ali(|ue,
per quas videtur sibi, quod ita possunt teneri rationes opposite sicut
proposite ab eis.
2) Ms. 16409. foF. 42r. quod Aristoteles in tota philosophia sua
naturali et metaphyi^a vix habuit lalem certitudinem de duabus con-
clusionibus et fortasse nee de una, et equaliter vel inulto minus Fr.
Beinardus, qui non preferret se Aristotili. Et non solum non habuit
evidentem nuticiam, ymo, licet non teneam, sed habeo nnam rationem,
quam nescio solvere, d probandum, quod nee habuit noticiam
probabilem.
— 49 —
teles halten wird, ja nicht einmal auf Wahrscheinlich-
keit könne seine Behauptungen Anspruch machen.^) Will
man die Dinge erkennen, so wende man sich nicht an
Aristoteles und frage bei ihm an, was er denkt, sondern
man richte seinen Geist auf die Dinge und überlasse
sich ihm.^j Und wie in der Metaphysik und Naturphi-
k)Sophie. so ist Aristoteles auch in der Phychologie fn
die Irre gegangen, nach den Lehren, die Nicolaus über
dieses Gebiet aufgestellt hat, fällt das ganze dritte Buch
des Aristoteles .,über die Seele."*) Da somit die Werke
des Aristoteles nichts als Irrtum undd Torheit enthalten,
ist es unverständhch, wie man sich noch ihrem Studi-
um widmen kann. Aber gleichwohl giebt es nicht weni-
ge, jdie bis in ihr hohes Alter über diesen Schriften
sitzen und darob die Sorge für das gemeinsame Wohl
und die öffentliche Sittlichk^ it vernachlässigen, und wenn
sich ein Freimd der Wahrheit erhebt — ,,Damit meint
er sich*' wird boshaft hinzug^efügt scilicet ipsemet; — .
um sie aus dem Schlafe aufzurütteln, so geraten sie fn
grosse Trauer und stürzen sich auf ihn als gälte es ei
nen Kampf auf Leben und Tod.^)
'3} Chart. II. 1. p. 580. illa"(sc. certitudo de rebus) modica polest
in t)revi haben tempore, si homines conrertant intellectam suuin ad
res et non fad ^intellectam Aribtotilis et commentatori'.
*) Chart H. 1- p. 582. per i>tam positiocem cessat totus tercius
liber Aristotilis : „De anima."
5) Chart. II, 1. p. 581. (Xicolaus) multum admiratur, (^uod aliqui
Student in Aristotile et comme itatore usqae ad etatem decrepitam et
propter eorum sermones iogicos deserant res morales et curamboni
communis in tantiim, quod, cum insurrexerit amicus veritutis, scilicet
ipsemet, et fecit socare tjbam ut dormientis ex sompno excitaret
contristati sunt valde et quasi armati ad capitale bellum contra ©um
irruefont.
— 50
Zehntes Kapitel.
NikoUus and die Kirche.
In tiiu-m solchen .^yst» mc ist für eine positive Re-
ligion kein Platz mehr, weil die Grundlage jeder Re-
ligion, das Dasein Gottes, in Frage gestellt ist. Denn
aus den verschiedenen Stuten der Vollkommenheit in den
Dingen kann nicht auf ein liöchst vollkommenes Wesen,
das den einzelnen Dingen ihre bestimmte Vollkommen-
heit verliehen hat, geschlossen werden, weil es in der
Welt keinen Unterschied hinsichtlich der Vollkommen-
heit giebt. Der Beweis aus dem Zv/ecke in der Natur, dass
nämlich die Dinge zweckmässig handela und daher einen
intelligenten Urheber voraussetzen, ist nicht übc-rzeugend,
weil wir von einem Zwecke in der Natur keine Gewiss-
heit haben. Aus dem Dasein der Welt aber auf Gott
als die Ursache der Welt zu schliessen, ist noch weniger
möglich, weil in diesem Falle von einem Dinge, auf
ein anderes, davon verschiedenes geschlossen wird, was
gegen jdas oft genannte Axiom verstösst. Wollte man
hiergegen einwenden, dass die Welt einen zeitHchen An-
fang genommen hat und daher eine Ursache voraussetzt,
so erwidert Nicolaus darauf, dass die Welt anfangslos
und daher ewig ist, so dass die Frage nach dem Urheber
der Welt grundlos ist.^) Und was die einzelnen Dinge
angeht, deren zeitliches Entstehen und Vergehen nicht
in Abrede gesteUt werden kann, so ist Welt durch ihre
i) Chart. II. 1. p.- 568. ([uod non potest evidenter ostendi, quin
(juelibet res sit etcrna.
Ibid. p. 5S1. oportet tarn totum quam partes esse eierna nee trans
ire de non ».sse in esse.
Ibid. p. 581. quod res . . . sunt eterne.
g) Cbatt. II. 1. p. 578. quod potest dici sine contradictione, ad
qaam quis possit duci, quod omnis res de mundo est producta.
- 51 -
eigenen Kräfte imstande, sie hervorzubringen.*) Das Da-
sein Gottes kann daher auf keinem Wege tx^wicsen wer-
den. Trotzdem ist für Nicolaus das Dasein Gottes zwei-
fellos Igewiss. das beweist schon sein Occasionalismus.
Gott ist ihm der Ucberseiende, sein Sein ist über jalle
Bestimmtheiten erhaben, so dass ihm ebenso gut das
Prädikat des Seins wie das des Nichtseins beigelegt wer-
den kann, 3) wodurch die Unmöglichkeit möglich wird,
dass contradiktorische Gegenteile dasselbe bezeichiien>j
Seine Erkenntnis aller Dinge ist eine einzige, und von
Ewigkeit her schaut er alles. ^) Gegen Gottes Sein ist
das ^Sein der Welt, weil rein potentiell, eigentlich tin
Nichtsein, und so kann hinsichtlich ihres vSeins von Gott
sowohl |wie von der Welt behauptet werden, dass sie
nicht sind. 6) Trotz seiner die Religion untergrabenden An-
schauungen ist er ein treuer Sohn der Kirche, ist in der
Seelsorge durch Predigt tätig,') lehrt die Belohnung und
Bestrafung im Jenseits,^) glaubt an die Gnadenwirkung
Gottes^) und ermahnt, dem Gesetze Christi zu folgen und
an seine Worte zu glauben, i^) ja die Glaubenssätze ha-
ben nach ihm dieselbe Gewissheit wie das Princip Ües
Widerspruchs.^^) Deshalb nun und weil er erklärt, nichts
von der katholischen Lehre Abweichendes sagen zu wol-
len, und gern bereit ist, auf Befehl des Papstes alles
zu widerrufen, was Anstoss erregen könnte, darum et-
wa „behaupten, »e's könne ihm damit nicht Ernst sein,
heisst, Iwie Erdmann in derselben Beziehung von Oc-
4) Chart. II. 1. p. 580. quod propositiones ♦ Deus est, Dens nou
est, penitus idem significant, licet alio modo.
5) Ch*rt. II. 1. p. 578. quod contradictoria ad invicem idem sig=
nificant.
e) Ms. 16409. fol 49v. Fide tenemus, quod una est intellectio
oumium rerum, pnta divina, et Deus ex sibi apparenti potest etc.
7) Chart. 11. 1. p. 588. qnod Deus et creatura non sunt aliquid.
g) Chart. II. 1. p. 584. In ecclesia St. Sepulchri predicasse
dicitnr, quod quilibet plus tenetur diligere proximum meliorem se quam
seipsum.
- 52 -
cam sagt, die redlichsten Männer der allerverschicden-
sten Zeiten, wiel sie ähnliche Erklärungen abgaben, zu
Schelmen machen. "^-)-
Er ist ein wahrer Philosoph und dabei ein überzeu-
gungstreuer "Katholik und Priester.
Schlusswort
So nennt denn Nicolaus eine für seine Zeit ganz jun-
gewöhnliche Stellung ein. Durch die Leugnung des ana-
lytischen Charakters des Causalitätsprincips, durch die Be-
kämpfung des Substanzbegriffcs für die Körper und Geis-
ster, durch seinen Idealismus, durch die \'erwerfung der
teleologischen Naturerklärung, durch den Occasionaüsmus
und Atomismus ist er der \'orläufer mancher bedeutender
Philosophen der Neuzeit. Ein Einfluss auf die neuem
Philosophie ist damit keineswegs gegeben. Das verhin-
derte schon die \>rnichtung seiner Schriften, und die
Philosophie der folgenden Jahrhunderte ging ganz an-
dere Bahnen, als Nicolaus betreten hatte. Selbst auf seme
Zeitgenossen scheint er keinen Einfluss ausgeübt zu ha-
ben. Kam er doch zu Resultaten, die den traditioneUeri
Anschauungen derart entgegengesetzt waren, dass man-
cher von vornherein darauf verzxhten mochte, näher hier-
auf einzugehen. Wie man auch über sein System den-
ken mag, Konsequenz in dei Durchführung wird ihm
9) Chart. 11. 1. p. 483. qni cum (jue appetit ire, aliquando ibit.
10) Chart. II. 1. p. 582. Aliqua realitas fit presens anime per
quendnni motum spiritualem inxta gratiam.
11) Chait. 11. 1. p. 583. quod adbereamus legi Christi et ut
credamus, quod non aliter fiet premiatio et puntito nisi per illum
nu>>lum, qui est expressus in lege s*cra.
12) Chart. II. 1. p. 577. quod excei)ta certitudine üdei non erit
alia certitudo nisi certitudo primi principii.
13) Grundriss d. G. d. Ph. 4. Aufl. 1. p. 470.
~ 53 -
niemand bestreiten können. Kommt nämlich nur dem Prin-
cip des Widerspruchs und den Sätzen, die sich darauf
direkt oder indirekt zurückführen lassen, Evidenz zu, so
sind damit alle Folgerungen gegeben, die Nicolaus ge-
zogen "hat.
Ob in den vorhergehenden Ausführungen alles so dar-
gestellt ä-ei, wie es von Nicolaus gelehrt ist, kann 5n
Zweifel gezogen werden. Musste doch seine Lehre gerade
in den wichtigsten Punkten aus einzelnen, aus dem Zu-
sammenhang seiner Werke gerissenen Sätzen wiederher-
gestellt werden. Wie dem auch sei, in den Grundzügen
ist uns das System des Nicolaus erhalten und zeigt Uns,
welch ein reiches, wissenschaftliches Leben in jener Pe-
riode der mittelalterlichen Philosophie herrschte.
Vita.
Ich, Joseph Conrad Lappe, katholischer Confession, wur-
de am 2. März 1879 ^Is Sohn des Landwirts Franz Laj>-
pet und seiner Ehefrau Theresia geb. Schupmann zu
Geseke in Westfalen geboren. Nach der Vorbil-
dung auf der höheren Bürgerschule meiner Vater-
stadt ging ich 1895 ^^ ^^^ König). Gymnasium zu Pa-
derborn, wo ich im Jahre 1899 das Zeugnis der Reife
erhielt. Ich wandte mich zunächst philosophisch - theolo-
gischen Studien an der biscliöflichen Lehranstalt zu Pa-
derborn zu, Sommer 1900 ging ich nach München, wo
ich besonders Philosophie und Staatswissenschaften stu-
dierte. Im Herbste desselben Jahres wurde ich an der
Universität zu Bonn immatrikuliert und blieb hier bis
zur Vollendung meiner Studien, Ich beschäftigte mich
vor allem mit Philosophie und Nationalöconomie, aus-
serdem mit Germanistik und klassischer Philologie.
Am 25. März 1903 bestand ich das Doctorexamen und
am 27. März 1904 das Staatsexamen.
Vorlesimgen hörte ich "bei folgenden Herren Professoren,
in München: v. Hertling, Brentano, Lotz, Ranke imd
Walther,
in Bonn : Bäumker und Erdmann in der Philosophie,
V. d. Goltz, Gothein, Dietzel, Zorn und
Bergbohm in den Staatswissenschaften,
Usener, Bücheier, Elter, Brinkmann, Frank,
Litzmann in der Philologie.
Meinen Lehrern Prof. Bäumker und Erdmann, die mir
in ernsten und schweren Tagen als väterliche Berater
und Helfer zur Seite standen, spreche ich auch an die-
ser Stelle den herzlichsten Dank aus.
ÜE MEDI^\
-, N^ 5 9 QUEüN S PARK
3Q
Lappe, Josef ^^^^^
Die Philosophie... .A97
Z68